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Die Stimmen der Entwurzelten

German Stage Service spielt „Displaced“ Die Stimmen der Entwurzelten

So viel vorab: „Displaced“ ist ein ungewöhnliches Theaterstück. Es gibt drei Spielorte: das Erlenringcenter, einen Bus und das Theater im G-Werk. Themen sind Migrationsgeschichten.

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Laurenz Raschke (von links), Jim Kleuser, Nisse Kreysing, Sarah Timm und Anja Simic wirken in „Displaced – Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“ mit.

Quelle: Veranstalter

Marburg. „Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“ – diesen Spruch des bayerischen Komikers Karl Valentin aus dem Jahr 1940 stellt die freie Marburger Theatergruppe „german stage service“ als Motto zu ihrer neuen Produktion „Displaced“. Displaced bedeutet verschoben, „displaced persons“ sind Menschen, die nicht an dem Ort beheimatet sind, an dem sie angetroffen werden. Der Begriff wurde im Zweiten Weltkrieg von den alliierten Streitkräften geprägt.

Wenn Katrin Hylla und der langjährige Marburger Theatermacher Rolf Michenfelder den Begriff „Displaced“ verwenden, so ist dies auch ein Verweis darauf, wie umfangreich ihre Auseinandersetzung mit Flucht, Fluchtursachen und Flüchtlingen ist.

Wie weit zurück sie reicht, wird gleich am Startort im Erlenringcenter deutlich. Dort standen im Zweiten Weltkrieg Baracken des Heeresbekleidungsamtes. Nach dem Krieg wurden dort Flüchtlinge untergebracht.

Seit Anfang des Jahres arbeiten Michenfelder und Hylla gemeinsam mit Laurenz Raschke, Sarah Timm und Siggi Ulm an dem Stück. Sie haben mit Menschen gesprochen, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Westen flohen oder vertrieben wurden und im zerstörten Deutschland ebenfalls nicht immer willkommen waren.

Stück ohne klassische Dramatuergie

Sie haben ehemalige DDR-Flüchtlinge interviewt, wie den Schüler, den Steinmühle-Schüler in einem Bus in den Westen geschmuggelt hatten. Und sie haben mit heutigen Flüchtlingen gesprochen. Mit Menschen, die vor den Bomben und dem Terror in Syrien oder Irak geflohen sind, oder vor Elend und Gewalt in Afrika. Menschen, die tausende Kilometer zu Fuß gelaufen sind. Menschen, die die Sahara und das Mittelmeer überlebten.

Einer davon ist Niyat Mebrahtom, ein 16-jähriger Jugendlicher aus Eritrea, der in Deutschland sein Fachabitur machen will und nebenbei Theater spielt. Niyat ist einer von sieben Darstellern neben Nisse Kreysing, den Marburger Theaterfans aus der Waggonhalle kennen, Anja Simic, Jim Kleuser, Sarah Timm, Laurenz Raschke und Mastermind Rolf Michenfelder.

Ihr Stück „Displaced“ hat keine klassische Theaterdramaturgie, es gibt keine festen, wiederkehrenden Figuren. Vielmehr will die Gruppe Migranten, Flüchtlingen, Entwurzelten eine Stimme geben – und es sind sehr viele Stimmen geworden, die sich vermischen sollen zu einem großen, mal traurigen, mal ernsten, mal witzigen Bild. „Wir wollen die Zuschauer aber nicht in eine Betroffenheitsschiene zwingen“, sagt Michenfelder. „Es gibt viel Absurdes.“ Katrin Hylla ergänzt: „Es könnte auch sein, dass der ein oder andere sich sagt: Jetzt brauch ich erst mal einen Schnaps.“

„Displaced“ ist für eine freie Theatergruppe eine ungewöhnlich große Produktion. Ein Bus muss für jede Vorstellung angemietet werden, der die Besucher vom Auftakt im Erlenringcenter in das Theater im G-Werk brint, das mit großem Aufwand umgebaut wurde, um dort viele unterschiedliche Spielsituationen zu schaffen: enge Gänge, Treppenaufstiege, verschiedene Räume. Möglich sei dies nur dank vieler Sponsoren, betonen Michenfelder und Hylla. So unterstützten unter anderem der Fonds Soziokultur, der Kultursommer Mittelhessen, die Stadt Marburg und die Sparkasse die Produktion.

  • Premiere hat „Displaced“ am Donnerstag, 8. September, um 20 Uhr. Weitere Aufführungen sind am 9., 10., 15., 16., 17. und 18. September sowie am 6., 7., 8. und 9. Oktober. Sonntags wird ab 18 Uhr gespielt.

Da die Zuschauerzahl begrenzt ist, empfiehlt sich eine Reservierung unter der Rufnummer 06421/62582 oder per E-Mail unter 
 kontakt@germanstageservice.de.

von Uwe Badouin

Rolf Michenfelder und Katrin Hylla haben das Projekt entwickelt. Foto: Uwe Badouin
 
 
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