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Die Schatten der Vergangenheit

Buchvorstellung von Imke Müller-Hellmann Die Schatten der Vergangenheit

„Verschwunden in Deutschland“ heißt das Buch, in dem Imke Müller-Hellmann die Lebensgeschichten von KZ-Opfern nachzeichnet. Ihre Lesung im TTZ war ein ­bewegendes Erlebnis.

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Marburg. Die 1975 geborene Imke Müller-Hellmann hatte einen ganz persönlichen Zugang zu den Geschichten der Nazi-Opfer. In Engerhafe, einem Dorf in Ostfriesland, lebte die Großmutter der Autorin. Dort wurde 1944 eine Außenstelle des KZ Neuengamme eingerichtet, 2000 Häftlinge aus verschiedenen europäischen Ländern waren zum Bau des sogenannten Friesenwalls eingesetzt.

Die Zwangsarbeiter lebten unter menschenunwürdigen Bedingungen, 188 von ihnen starben an Krankheiten oder Entkräftung. Einzelne Opfer wurden erschossen oder erschlagen.

Die Autorin las zunächst das erste Kapitel ihres Buches „Verschwunden in Deutschland. Lebensgeschichten von KZ-Opfern.“ Das in einem literarischen Stil gehaltene Buch schildert die Geschichte ihrer Großeltern, die direkt miterlebten, wie das Lager eingerichtet wurde.

Täglich zogen die Häftlinge, die in einem erbärmlichen Zustand waren, zweimal durch das ostfriesische Dorf. Alle Dorfbewohner konnten sie sehen, auch die Großmutter, die oft davon erzählte. Sehr bewegend war während der Lesung, dass Imke Müller-Hellmann alle 188 Namen der Opfer verlas. Die Toten stammten unter anderem aus Frankreich, Russland, Polen, Belgien und Dänemark.

Besuch am Ort, an dem der Vater starb

Im zweiten Teil schilderte die Schriftstellerin die Geschichte eines französischen Opfers, das in der Resistance gewesen sein soll. Was er genau getan hatte, war unklar. Hatte er nur Brot für die Partisanen gebacken oder hatte er Waffen für sie geschmuggelt? Imke Müller-Hellmann hat die Familie des Opfers ausfindig gemacht und sich mit der Tochter getroffen. In ihrem Buch beschreibt sie auch die Auswirkungen der Tragödie auf die nachfolgende Generation.

Die Autorin lud die Tochter des französischen Opfers zu sich nach Bremen ein. Gemeinsam besuchten sie das Dorf, in dem der Vater im Konzentrationslager starb. „Für Monique war es ganz wichtig, den Leidensweg ihres Vaters noch einmal zu gehen“, berichtete Müller-Hellmann.

„Sie hat viel geweint und war dann dankbar und erleichtert.“ Zwischen 2012 und 2013 hat die Schriftstellerin die Familien von elf Opfern besucht. Ihre Geschichten hat sie genau recherchiert und in dem Buch aufgeschrieben. Es gab kaum negative Reaktionen in den Familien, erzählte sie weiter. Meist überwog die Freude, dass sich jemand für ihre Geschichte interessierte.

Imke Müller-Hellmann studierte Diplom-Religionswissenschaft und Pädagogik und arbeitete als Studienreiseleiterin, als Dozentin für Alphabetisierung und als Coach für Menschen mit Behinderungen. Ihre Kurzgeschichten wurden mit Preisen und Stipendien ausgezeichnet. Sie lebt in Bremen.

von Bettina Preussner

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