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Die Rachsucht der Mittelmäßigen

Schlossfestspiele : Radestocks „Amadeus“ Die Rachsucht der Mittelmäßigen

Viel Applaus und einzelne Bravo-Rufe gab es am Donnerstagabend für „Amadeus“ bei den Schlossfestspielen Amöneburg. Das Drama von Peter Shaffer ist dort noch bis zum 2. August zu sehen.

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Mozart (Emil Schwarz) liegt im Sterben, seine Frau Constanze (Anna-Sophie Braun) ist am Boden zerstört. Das Mittelmaß hat über das Genie gesiegt.

Quelle: Michael Hoffsteter

Amöneburg. Am Vormittag stand die Premiere noch auf wackeligen Beinen: Die junge Hauptdarstellerin Anna-Sophie Braun hatte einen Kreislaufkollaps erlitten. Regisseur Peter Radestock probierte den ganzen Tag mit einer Ersatzdarstellerin.

Doch am Abend stand die 26-jährige Amöneburgerin als Mozarts Frau Constanze auf der Bühne, von dem Kreislaufkollaps war nichts zu spüren – eine sehr bemerkenswerte, couragierte Energieleistung, denn ihre Rolle verlangt ihr einiges ab.

Constanze macht in den zwei Stunden Spielzeit eine deutliche Wandlung durch: von einem lebenslustigen, verliebten jungen Mädchen hin zu einer Frau, die um die Existenz ihrer Familie kämpft. Hut ab und gute Besserung.

Peter Radestock ist ein alter Regieprofi. Gut 20 Jahre lang war er Oberspielleiter am Hessischen Landestheater Marburg. Er hat in seiner langen Karriere unglaublich viele Stücke auf die Bühne gebracht: Die Klassiker des europäischen Theaters ebenso wie Boulevardkomödien und Open-Air-Produktionen wie „Winnetou“ mit echten Pferden.

Schlossfestspiele Amöneburg - Amadeus : Foto / Michael Hoffsteter

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Peter Shaffers Mozart-Drama „Amadeus“ über die Rachsucht der Mittelmäßigen, die mit Zähnen und Klauen um ihre Pfründe kämpfen, wollte er schon immer machen. Doch Shaffers „Amadeus“ ist keine leichte Muße und schon gar kein Gute-Laune-Sommerspaß. Es ist ein über weite Strecken sehr ernstes Stück, ein Mix aus Krimi, hinterhältiger Intrige und Tragödie.

Und eine Tragödie ist der frühe Tod des größten musikalischen Genies seiner Zeit am 5. Dezember 1791 im Alter von nur 35 Jahren. Shaffer – und zuvor der Russe Alexander Puschkin – hat eine alte Legende über die Feindschaft des Wiener Hofkomponisten Antonio Salieri gegen Mozart zu einem äußerst effektvollen Stück verarbeitet. Und Radestock hat daraus ein intensives Kammerspiel mit neun Darstellern gemacht – für die große Bühne angereichert mit Schattenspielen, 16 Statisten, prächtigen Kostümen und Mozarts wunderbarer Musik vom Band.

Im Grunde gibt es nur drei große Rollen: Antonio Salieri (Manfred Gorr), Mozart (Emil Schwarz) und Constanze (Anna-Sophie Braun). Sie alle spielen großartig. Die anderen sind Staffage für diese Auseinandersetzung um Leben und Tod: Kaiser Joseph II. (Jochen Nötzelmann), der dumpfe Operndirektor Graf Orsini-Rosenberg (David Gerlach), der Freimaurer Baron van Swieten (Michael Köckritz), der Haushofmeister Graf von Strack (Radestock) und Salieris Spione (Cathrin Bürger und Christine Reinhardt).

Dem Kind fliegt alles zu

Der erfahrene Charakterdarsteller Manfred Gorr ragt heraus. Er ist immer auf der Bühne, hockt dort schon als alter Salieri, wenn das Publikum seine Plätze einnimmt. Und dort sitzt er als alter gebrochener Mann auch am Ende des Stückes. Salieri erzählt die Tragödie aus seiner Sicht – er, der einen Pakt mit Gott geschlossen hat, um als Komponist berühmt zu werden.

Doch dann kommt dieses alberne Kind namens Mozart, dem die Noten nur so zufliegen. Salieri ist der Einzige am von kriecherischen Schranzen beherrschten Hof, der das Genie erkennt und darüber verzweifelt. Er kennt nur noch einen Gedanken: Rache an Gott und an dessen Geschöpf Mozart.

Der junge Darsteller Emil Schwarz spielt mitreißend diesen jungen Mozart, ein großes, stets zu Späßen aufgelegtes Kind, das in seiner grenzenlosen Naivität das Böse um sich herum nicht durchschaut. Sein Mozart ist ein Träumer, der an der Realität zerbrechen muss. Als er erkennt, dass Salieri ihn stets betrogen hat, stirbt er zu den Klängen seines „Requiems“.

  • Weitere Aufführungen sind diesen Samstag um 20.30 Uhr, am Sonntag um 16 Uhr, am 24. Juli (20.30 Uhr), 25. Juli (20.30 Uhr), 26. Juli (16 Uhr), 31. Juli (20.30 Uhr), 1. August (20.30 Uhr) und 2. August (16 Uhr). Karten: 06453/912470, www.depro-concert.de.

von Uwe Badouin

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