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Die Probleme mit den eigenen Problemzonen

Organtheater Kassel in der Waggonhalle Die Probleme mit den eigenen Problemzonen

Seit 1999 widmet sich das Organtheater aus Kassel in seinen Produktionen Themen rund um den menschlichen Körper. Am Dienstag waren sie mit „Begnadigte Körper“ in der Waggonhalle zu Gast.

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Jens Haupt und Uwe Jakubczyk sind als Ritter in Wollunterwäsche auf der Bühne unterwegs.

Quelle: Maik Dessauer

Marburg. Das minimalistische Bühnenbild, die Liebe zum Detail bei den Requisiten, einige wirklich kluge Ansätze – die Grundzutaten, sie waren nicht die falschen für gutes Kabarett. Leider verhandelte das Organtheater die durchaus komplexen Themen in ihrer aktuellen Produktion zumeist nur sehr oberflächlich.

In „Begnadigte Körper“ geht es um das Verfallsdatum des eigenen Körpers und wie wir ihn durch Alkohol und andere Substanzen schwächen, nur um ihn dann mithilfe der neuesten Ernährungstrends wieder aufzubauen, oder ihn durch Tattoos und Piercings verzieren lassen.

In kurzen Szenen und wechselnden Rollen parodieren Jens Haupt, Uwe Jakubczyk, Ute Wienkamp, Dagmar Witzel und Welf Kerner in ihrem knapp 100-minütigen Programm Alltagssituationen der deutschen Mittelschicht. In chansonhaften Zwischeneinlagen werden Google, Smartphones und der Zeitgeist verteufelt.

Gute Unterhaltung trotz einiger Schwächen

Leider bleiben viele Dialoge dabei meist auf Stammtischniveau. Wenn Uwe Jakubczyk etwa stolz seine neue Fitness-App präsentiert, mithilfe derer er genau nachvollziehen kann, in welchem Schuhladen seine Frau heute war und wie viel Käse-Sahne-Torte sie gegessen hat, dann impliziert das zwar auch Kritik am derzeitigen Datenschutz, erinnert jedoch ebenso an den Humor des Verfassers eines gewissen „Frau-Deutsch/Deutsch-Frau“-Wörterbuchs.

Und so geht es in den folgenden Sketchen weiter mit stereotypen Geschlechterkalauern, gepaart mit beinahe beschämender Furcht vor Technologie und Anglizismen. Dass gesellschaftlich legitimierter Chauvinismus eines der zentralen Themen blieb, ist an sich sehr interessant und auch durchaus ambitioniert, hat mit dem Verfall des eigenen Körpers jedoch eher wenig zu tun.

Nichts desto trotz vermochte das Organtheater sein 30-köpfiges Publikum gut zu unterhalten, denn kurzweilig war das Ganze allemal und so kassierten die Kasseler regelmäßig Szenenapplaus. Der wohl klügste Satz des Abends stammte aus dem Refrain des „Problemzonen“-Lieds, in dem es heißt: „Oft ist das Problem, dass man selbst die Problemzone ist.“

von Maik Dessauer

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