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Die Nöte eines verklemmten Teenies

Mark Lowery: "Das peinlichste Jahr meines Lebens" Die Nöte eines verklemmten Teenies

Der 14-jährige Michael hat es nicht leicht: Er ist untersetzt, liebt Vanillecreme-Kekse und ist heimlich in die Freundin seines älteren Bruders verknallt. Aber das ist bei weitem noch nicht das Schlimmste.

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Mark Lowery hat mit seinem Debütroman in England einen Volltreffer geöandet.Foto: Rob Percival.

Marburg. „Ekelhaft.“ Die Überraschung ist groß, als Michael einmal zu früh nach Hause kommt. Im Wohnzimmer sitzen gemütlich beim Nachmittagstee: seine Eltern - splitterfasernackt. Peinlich? Klar. Aber nur für Michael. Denn der hat die beiden noch nie ohne Kleider gesehen. Erstmal: Augen zu. „Ich hab Angst zu blinzeln“, schreit er. „Ich wünschte, ich könnte mir die Augen ausreißen.“

Nun ist es also raus: MichaelsEltern sind Nudisten. „Wir wollen bloß frei sein“, sagt seine Mutter. „Frei von den Handschellen der Gesellschaft. Frei vom Gefängnis unserer Kleidung.“ Die Socken aber darf Vati anbehalten - noch. Selten wurden Klischees schöner durch den Kakao gezogen als in Mark Lowerys Debütroman „Das peinlichste Jahr meines Lebens“.

„Ich habe darüber nachgedacht, was wohl das Fürchterlichste ist, das jemals einem Teenager passieren kann“, beschreibt Lowery die Idee für das Buch auf seiner Homepage. „Ich dachte, wie peinlich es wohl wäre, deine Eltern ohne Klamotten zu sehen!“ Er selbst ist aber - wie er bekennt - nicht unter Nudisten aufgewachsen.

Als jüngstes von vier Kindern wurde Lowery 1979 in Wales geboren. „In der Schule war ich stets der Klassenclown“, hat er einmal über sich gesagt. „Immer wenn ich Zeitungen ausgetragen habe oder zum Bus gegangen bin, habe ich mir kleine Sketche oder witzige Bemerkungen für den nächsten Schultag ausgedacht - und dabei in mich hineingekichert.“ Später - als Grundschullehrer - habe er sich dann den „Schreib-Virus“ eingefangen, daraufhin noch einmal die Uni besucht und einen Abschluss als Kinderbuchautor gemacht.

„Das peinlichste Jahr meines Lebens“ ist Lowerys erster Roman, der schon vor rund einem Jahr unter dem Titel „Socks Are Not Enough“ (Socken reichen nicht) in Großbritannien erschien. Der Nachfolger steht dort schon in den Startlöchern: Im Juni soll „Pants Are Everything“ (Hosen sind alles) erscheinen.

In „Das peinlichste Jahr meines Lebens“ ist Ich-Erzähler Michael Swarbrick in einem schwierigen Alter und in einem komplizierten Umfeld: Der 14-Jährige kommt schon mit seinem eigenen Körper nicht klar, „der sich aus großen Füßen, spindeldürren Armen, einer Hühnerbrust, einem Speckbauch und einem riesigen, beim Gehen hin und her wackelnden Kopf zusammensetzt“. Wie soll er dann noch die ausladenden und nackten Leiber seiner Erzeuger ertragen?

Regelmäßig geht Michael zu Beratungslehrerin und Mauerblümchen Miss O‘Malley. „Umgang mit Gefühlen“ heißen die blamablen Sitzungen. Fast immer mit dabei ist Psychologe Chas, der selbst in einer Midlife Crisis steckt. Man will zwar etwas über Michaels Angst vor Eseln oder seiner Sucht nach Vanillecreme-Keksen herausfinden. Aber wer von den dreien nun wirklich therapiert werden muss, liegt im Vagen.

Und dann ist da noch Lucy. Star des heimischen Schwimm-Teams und heimliche Angebetete Michaels. Das Problem: Sie ist die Freundin seines idiotischen Bruders. Der hat einen Ziegenbart, deckt seine Pickel mit Schminke ab, nennt sich selbst gern „Stevenator“ und fährt den Golf auf Alu-Felgen - inklusive „Liebeswagen“-Heckaufkleber. Ein Prolet wie er im Buche steht.

Gerade die wahnsinnig übertriebenen Charaktere machen den Roman zu einem Lesegenuss. Der verklemmte Michael, seine antiautoritären Eltern und die verrückten Therapeuten - es ist ein Potpourri an skurrilen Karikaturen. Den einen bedeutet ihre Freiheit alles. Und andere brauchen - so wie Michael - Regeln, Listen oder sogar Zwänge. Der Roman ist eine Coming-of-Age-Story, an deren Ende etwas Neues beginnt.

Und man wird als Leser erkennen, dass die eigene Familie gar nicht so peinlich ist, wie man selbst vielleicht manchmal denkt.

Mark Lowery: „Das peinlichste Jahr meines Lebens“, Fischer Scherz Verlag, 14,99 Euro; Hörbuch erschienen bei Random House Audio, gelesen von Christian Ulmen, 4 CDs, 324 Minuten, 19,99 Euro

von Sebastian Fischer

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