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Die Klangfarben des Leidens

Passionskonzert des Marburger Bachchors Die Klangfarben des Leidens

Wie bewegend und fesselnd sich die in vertonte Worte und Orgelklänge umgesetzten Leiden Jesu anhören können, erlebten am Sonntagabend etwa 200 Zuhörer beim Passionskonzert in der Lutherischen Pfarrkirche.

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Der Marburger Bachchor unter der Leitung von Nicolo Sokoli (oben) gab gemeinsam mit Ralf Stiewe, Regionalkantor des Bistums Mainz für die Dekanate Alsfeld und Gießen, ein Passionskonzert.Fotos: Michael Hoffsteter / Manfred Schubert

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. Der Marburger Bachchor unter der Leitung von Nicolo Sokoli und Ralf Stiewe an der Orgel präsentierten ein interessantes und abwechslungsreiches Programm mit Werken ab der Renaissance. Der Schwerpunkt lag aber im 20. Jahrhundert. Im Zentrum standen dabei die „Vier Motetten für eine Zeit der Buße“, welche der Pariser Francis Poulenc in den Jahren 1938/39 komponierte. Aus katholischem Elternhaus stammend, hatte er sich nach dem Tod des Vaters 1917 vom Glauben abgewandt. Der tragische Unfalltod eines Freundes 1936 bildete den Anstoß, sich wieder mit Spiritualität und Religion zu befassen.

Der Titel einer der vier Motetten, die nicht nacheinander, sondern über das 90-minütige Konzert verteilt erklangen, gab diesem die Überschrift: „Tristis est anima mea - Betrübt ist meine Seele“. Ausdruck persönlicher Trauer und Ergriffenheit stehen in diesen Motetten im Vordergrund, die wechselnden Stimmungen und Aussagen hat Poulenc klar und direkt mit großer dynamischer Bandbreite, Tempowechseln und überraschenden Harmonien umgesetzt.

Im Gegensatz dazu stand das noch im unerschütterlichen Glauben wurzelnde melodische Eröffnungsstück „O Mensch bewein dein Sünde groß“ von Caspar Othmayr (1515 - 1553), aber auch das unmittelbar folgende zarte „God so loved the world“ eines heutigen Zeitgenossen, des ehemaligen King‘s Singers-Tenors Bob Chilcott. Sehr schöne Klangeffekte erzielte der geteilte Chor: vier Sängerinnen und vier Sänger bezogen für die Motette „Popule meus“ von Tomás Luis de Victoria (1548 - 1611) auf der Orgelempore Stellung. Zugleich nahmen sie so das angesprochene Volk optisch „in die Zange“.

Die Kontraste zwischen den durchweg a cappella vorgetragenen Chorpassagen und den Orgelwerken machten den Reiz des Passionskonzerts aus. Wobei der Bachchor unter der souveränen Leitung von Sokoli harmonisch und präzise agierte und sehr ausgewogen klang. Einer der Höhepunkte war das „De profundis“ des 1936 geborenen belgischen Komponisten Vic Nees, das mit großer Dynamik, dem Wechsel zwischen Frauen- und Männerstimmen, einer Steigerung des „clamavi“ und schließlich leisem Abfall am Ende beeindruckte. Unmittelbar danach setzte machtvoll mit Felix Mendelssohn Bartholdys Sonate „Aus tiefer Not ruf ich zu dir“ die Orgel ein. Mit kraftvollen Läufen entlockte Ralf Stiewe, der kurz vor Konzertbeginn temperaturbedingt noch unter etwas klammen Fingern gelitten hatte, eine überwältigende Klangfülle.

Aber auch die Werke der teils wesentlich sparsamer mit Noten und Lautstärke umgehenden Zeitgenossen Poulencs, das düster-bedrohlich wirkende „Lamento“ von Jehan Alain, oder das Opus 29 „Jesus stirbt am Kreuz“ von Marcel Dupré, das von einer langsamen Melodie in ein dissonantes Crescendo mit grollend drohenden Bässen umschlägt und in lang gezogenen Tönen endet, gerieten in der Interpretation Stiewes zu einem intensiven Klangerlebnis.

Heinrich Schütz‘ „Ehre sei dir Christe“, der Schlusschor seiner Matthäuspassion, bildete den Abschluss des hörenswerten Konzertes. Für den langen und herzlichen Beifall bedankte sich der Chor mit dem nochmals gesungenen „God so loved the world“ als Zugabe.

von Manfred Schubert

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