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Die Heimat schrumpft zum Nasen-Böög

Max Moor las in der Waggonhalle Die Heimat schrumpft zum Nasen-Böög

Als der Max noch Dietr war, gab‘s kein größeres und schöneres Land als die Schweiz. Und kein besseres Auto als den „Fauweh Chäfr“.

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Viele Besucher der Lesung in der Waggonhalle ließen sich von Max Moor ihr Exemplar von „Als Max noch Dietr war“ signieren.

Quelle: Carsten Beckmann

Marburg. Titel: Als Max noch Dietr war. Thesen: Die Schweiz ist das maximal größte Land der Welt, im Aargau ist es am schönsten, und regnen tut es nur an der Gotthard-Nordseite. Temperamente: Ein kluger, leicht nerviger Junge, ein rechthaberischer Vater, eine gestresste Mutter und zwei Geschwister, die im VW Käfer immer die Fensterplätze bekommen.

Max Moor mögen die Marburger, ausverkauft ist die Waggonhalle, als der „Titel, Thesen, Temperamente“-Moderator seine Kindheitserinnerungen vorstellt. Das überrascht den in Brandenburg lebenden Schweizer selbst ein wenig, denn er weiß, dass er seine Zuhörer geschlagene zwei Stunden lang mit seiner Mundart überschütten wird.

Wie im Vorwort seines Buchs fällt Moor auch zu Beginn seiner Lesung nicht mit der Tür ins Haus, sondern bereitet sein Auditorium sanft vor auf den eidgenössischen Zungenschlag: „Wundern Sie sich über nichts, bewahren Sie ruhig Blut, es ist alles in Ordnung, es handelt sich lediglich um Schweizerisch.“

Nun also zu Dietr, den der Schweizer wie Diät mit RR und Betonung auf dem I ausspricht. Der kleine Bub aus Mellikon weiß für sein Alter ziemlich viel – zum Beispiel, dass die die Schweiz unendlich groß ist: „So groß wie die größte Sache von der ganzen Welt mal tausend.“

Leiser, lakonischer Humor mit schrägen Pointen

Der Dietr hat sich vorgenommen, alle Schönheiten der Schweiz kennenzulernen, und er weiß, dass das gar nicht so leicht ist. Urgroßvater sah sie nie, die Schönheiten der Schweiz, weil er nie von seinem Bauernhof wegkam. Und auch der Großvater kam nicht gerade viel herum, weil er sein ganzes Leben in der Fabrik arbeiten musste.

Dietrs Vater? Nun, der sah als Versicherungsvertreter der Winthertur schon so das eine oder andere schöne Eckchen außerhalb von Mellikon. Doch nur innerhalb seines Kundenbezirks. Wer Max Moor zuhört, erlebt eine atmosphärische Mischung aus Ludwig Thoma, Emil Steinberger und Astrid Lindgren. Ein leiser, lakonischer Humor zieht sich durch die Anekdoten, die gespickt sind mit schrägen Pointen. Das alles ist in höchstem Maß – Dietr würde den Begriff „maximal“ verwenden – unterhaltsam.

Und die Reflexionen des kleinen Dietr aus dem großen Aargau in der noch größeren Schweiz sind sogar verhalten philosophisch: Die langsam in ihm reifende Erkenntnis, dass seine Schweiz am Ende doch nicht so groß ist, wie er dachte, dass dieses maximal große Land auf dem Globus nichts ist als ein Nasen-Böög (hochdeutsch: Popel), rückt Begriffe wie Heimat und Grenzen ins Verhältnis.

„Als der Max noch Dietr war“ gibt es als Taschenbuch – eine Budgetlösung für Menschen, die in der Lage sind, sich und anderen die „Geschichten aus der neutralen Zone“ laut und im schweizerdeutschen Idiom vorzulesen. Weit mehr Vergnügen dürfte die Hörbuchfassung bereiten: Gesprochen vom Autor selbst, eignen sich die „Dietr“-Geschichten bestens als Reiseunterhaltung. Vielleicht ja sogar bei der nächsten Fahrt über den Gotthard. Und spätschtns in Airolo hört d‘r Schissrääge uff, oddrr?

von Carsten Beckmann

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