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Die Entdeckung einer Unbekannten

OP-Buchtipp: Paul Glaser: „Die Tänzerin von Auschwitz“ Die Entdeckung einer Unbekannten

Sie wollte um jeden Preis überleben – und sei es durch eine Lager-Liebschaft mit den Mördern. Roosje Glaser, niederländische Jüdin, eine selbstbewusste junge Frau, überlebte Auschwitz.

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Autor Paul Glaser erzählt von der Entdeckung eines Koffers mit den Tagebüchern und Briefen seiner Tante Roosje, die von ihrer Überlebensgeschichte zur Zeit des Nationalsozialismus erzählen.

Quelle: Aufbau Verlag

Jahrzehnte später stößt ein Neffe auf ihre Spur. Ein Koffer mit dem eigenen Nachnamen führt Paul Glaser bei einem zufälligen Besuch in Auschwitz auf die Spur der eigenen verschwiegenen Familiengeschichte.

Sein Vater hatte nie über Herkunft und Schicksal der Familie gesprochen. Paul Glaser hatte zwar allein recherchiert. Aber erst der Fund in Auschwitz brachte ihn dazu, die Fäden zu verknüpfen und das Familiengeheimnis zu enthüllen.

Der niederländische Katholik entdeckt die jüdischen Wurzeln seiner Familie und macht sich auf die Suche nach Informationen über seine Tante Roosje, der „Tänzerin von Auschwitz“.

Sein Buch über „die Geschichte einer unbeugsamen Frau“ ist auch die Geschichte einer Selbstfindung. Sie handelt von Liebe und Verrat, Erniedrigung und Selbstbehauptung, und sie erinnert an die Befreiung von Auschwitz vor 70 Jahren.

Partner stirbt bei Flugzeugabsturz

Ein bewegtes Leben hatte Roosje Glaser, Tochter einer wohlhabenden jüdischen Familie aus Nijmegen, allemal. Von Kind auf war sie von Musik und Tanz fasziniert, als lebenslustige und emanzipierte junge Frau machte sie sich mit einer Tanzschule selbstständig, stieß das konservative Elternhaus vor den Kopf, als sie noch als Teenager beschloss, mit ihrer großen Liebe in „wilder Ehe“ zusammenzuleben.

Doch der Mann, mit dem sie sich ein gemeinsames Leben erträumte, kommt bei einem Flugzeugabsturz ums Leben, und der aufkommende Nationalsozialismus im benachbarten Deutschland wirft schon bald seine Schatten auch auf die Niederlande.

Lange vor dem Einmarsch deutscher Truppen beobachtet Roosje auch in der eigenen Umgebung Nazi-Sympathien. Als unter deutscher Besatzung im Zweiten Weltkrieg auch die niederländischen Juden zunehmend aus dem öffentlichen Leben ausgegrenzt werden, verrät ausgerechnet ihr Ex-Mann die junge Frau, die auf dem elterlichen Dachboden illegal weiter Tanzunterricht erteilt und die sich außerdem weigert, in der Öffentlichkeit den gelben Stern zu tragen, der sie als Jüdin ausweist. Ein ehemaliger Liebhaber verrät später das Versteck der mittlerweile untergetauchten Roosje an die Deutschen.

Gleich mehrfach verführt sie deutsche Offiziere

Über mehrere niederländische Arbeits- und Konzentrationslager führt ihr Weg schließlich nach Auschwitz. Sie überlebt die pseudomedizinischen Experimente des berüchtigten Lagerarztes Josef Mengele  und die Arbeit an den Gaskammern von Birkenau, wo die selbstbewusste junge Frau einen Aufseher um eine andere Arbeit in einer Munitionsfabrik bittet.

Gleich mehrfach verführt sie deutsche Offiziere, sichert sich Büroarbeit mit besseren Arbeitsbedingungen, organisiert Tanzabende für die SS – es ist ein Überleben um jeden Preis. Verglichen mit anderen Häftlingserinnerungen scheint vieles, was Glaser aus Briefen und nach dem Krieg niedergeschriebenen Erinnerungen seiner Tante zusammengetragen hat, geradezu unwahrscheinlich – Auschwitz-Häftlinge, die noch die Kraft hatten, mit einem munteren Lied auf den Lippen in der Baracke für Stimmung zu sorgen?

Kein Weg führt zurück in die Niederlande

Ein Arbeitseinsatz in der Todeszone der Krematorien, der quasi im Alleingang beendet wird, indem dem Aufseher einfach mitgeteilt wird, man wolle lieber in einer Fabrik arbeiten? Die meisten Häftlinge der Sonderkommandos wurden schließlich als Augenzeugen der Nazi-Verbrechen am Ende selbst ermordet.

„Die Tänzerin von Auschwitz“ räumt aber auch mit niederländischen Widerstandsmythen auf, schildert die oft verdrängte Kollaboration mit den Deutschen und den Umgang mit Holocaust-Überlebenden in der Nachkriegszeit, dem langen Warten auf Entschädigung und Wiedergutmachung.

Roosje Glaser wollte in diese Niederlande nicht zurückkehren. Als vermeintliche Dänin wurde sie mit anderen skandinavischen Häftlingen vom Schwedischen Roten Kreuz nach Schweden gebracht. Hier kam Paul Glaser Jahrzehnte später mit seiner Tante zum ersten und letzten Mal zusammen. Seinem Buch merkt man die Faszination und Bewunderung für die unbekannte Verwandte an.

  • Paul Glaser: Die Tänzerin von Auschwitz. Die Geschichte einer unbeugsamen Frau. Aufbau Verlag,  286 Seiten, 19,95 Euro.

von Eva Krafczyk

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