Volltextsuche über das Angebot:

15 ° / 7 ° Regenschauer

Navigation:
Die Angst der Menschheit vor der Hölle

Ex-Marburger bei Rheingau-Musikfestival Die Angst der Menschheit vor der Hölle

Zwei Chor-Meisterwerke, die in Marburg wohl nie erklingen werden, standen am Sonntag auf dem Programm des Rheingau Musik Festivals. In der Basilika des Klosters Eberbach dirigierte der Ex-Marburger Rolf Beck.

Voriger Artikel
Kleine Ironien am Cello
Nächster Artikel
Alte Musik wird packend interpretiert

Der scheidende Intendant des Schleswig-Holstein Musik-Festivals und Ex-Marburger Rolf Beck ist weltweit einer der gefragtesten Chorleiter.Foto: Felix Bröde

Eberbach. Jeder große Chor, der etwas auf sich hält, wagt sich irgendwann an Giuseppe Verdis „Messa da Requiem“. Um seine „Quattro pezzi sacri“ machen vor allem Laienchöre einen großen Bogen - was verständlich ist angesichts der außerordentlich hohen Anforderungen, die Italiens bedeutends-ter Opernkomponist in seinen „Vier geistlichen Stücken“ stellt. Dazu zählt die hohe Kunst des A-cappella-Singens im einleitenden „Ave Maria“ und in der Nummer drei, den „Laudi alla Vergine Maria“ auf einen Text von Dante.

Die von Rolf Beck vor elf Jahren ins Leben gerufene Chorakademie des Schleswig-Holstein Musik Festivals (SHMF) widmete sich dieser Kunst mit einer fein abgestuften Leidenschaft, die atemberaubend und zutiefst berührend zugleich war. Beck hat die durchweg jungen Sängerinnen und Sänger aus ganz Europa zu einem homogenen Ensemble geformt, das sich mühelos mit den weltweit bedeutendsten Chören messen kann.

Grandios war auch die mühelose Klangmacht, die der Chor, unterstützt vom ebenfalls jugendlichen SHMF-Orchester, in Verdis „Stabat mater“ und „Te Deum“ entwickelte.

Es sind die letzten Werke des Komponisten, dessen 200. Geburtstag die Musikwelt in diesem Jahr feiert. Und besonders berührt der Schluss des „Gotteslobs“: Der hoffnungsvolle Ausruf des Solo-Soprans „In te, Domine, speravi“ (Auf dich hoffen wir, o Herr) bricht auf halber Höhe ab. Der Zielton, den ein Sopran nicht singen kann, erklingt nur im Pianissimo der Violinen, während der Schlusston der Bässe fünf Oktaven tiefer liegt - laut Verdi musikalisches Sinnbild für die „Menschheit, die Angst vor der Hölle hat“.

Im zweiten Teil des SHMF-Gastspiels in der Basilika des Klosters Eberbach erklang Gioacchino Rossinis „Stabat mater“, das der Meister der Opera buffa ein Jahrzehnt nach seinem Abschied von der Opernbühne komponiert hat. Die Oper ist in diesem Meisterwerk der katholischen Kirchenmusik allerdings stets präsent. Und seine Wiedergabe benötigt neben einem erstklassigen Chor und Orchester auch ein mit allen Wassern der Belcanto-Kunst gewaschenes Solisten-Quartett. Das stand Beck für die zwei Aufführungen bei „seinem“ Festival und für das Gastspiel im Rheingau mit Simona Saturová, Kismara Pessati, Antonio Poli und Burak Bilgili zur Verfügung. Herausragend: Sopranistin Saturová, die in der hochdramatischen, auf den Verdi des „Rigoletto“ vorausweisenden „Inflammatus“-Arie glänzte.

Nachdem Chor und Orchester Rossinis „Stabat mater“ mit der meisterhaft komponierten und ebenso gesungenen grimmigen „Amen“-Fuge beendet hatten, wollten der Beifall und die Bravo-Rufe kein Ende nehmen.

von Michael Arndt

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur

Hier finden sie die Kommentare und Meinungen der Redakteure zu lokalen und weltpolitischen Themen sowie Glossen und augenzwinkernde Beträge. mehr