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Die Alt-68er in einer Welt ohne Ideale

Premiere am Landestheater Die Alt-68er in einer Welt ohne Ideale

Am Samstag hatte „Die Ballade vom Nadelbaumkiller“ in der Galeria Classica Premiere. Das Stück von Rebekka Kricheldorf besticht durch pointierte Dialoge über den Kampf der Generationen. Eine sehr sehenswerte Inszenierung.

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Ein Gespräch unter Männern, die sich nichts zu sagen haben: Vater Franz (Thomas Streibig) hat sich getarnt, weil sein Sohn Jan Mao (Moritz Pliquet), der seine ganze Energie der Verführung von Frauen widmet, ihm ständig ausweicht.

Quelle: Christian Buseck

Marburg. Franz (Thomas Streibig) ist ein Alt-68er. Früher war er ein Kommunarde, ein Hippie, ein Kiffer, der die Gesellschaft verändern wollte. Bis ihn sein Vater rief und ihm die Führung seiner Werbeagentur anvertraute. Heute gehört er zur Toskana-Fraktion der Ex-Linken, die es sich bei Rotwein und wohlfeilen Sprüchen gutgehen lässt. Doch Franz hat Sorgen. Er hat nicht mehr lange zu leben und will seinen Sohn Jan Mao in die Firma holen, so wie sein Vater ihn in die Firma geholt hat.

Doch Jan Mao (Moritz Pliquet) hustet ihm was. Er ist ein verwöhnter Bengel von 35 Jahren, stets Kind geblieben, das vom Geld seines Vaters richtig gut lebt. Arbeiten? Bäh. Das haben sein Vater und Großvater doch gemacht; und deren Geld reicht für ihn locker bis ans Lebensende. Er läuft als Nachfahre des barocken Lebemannes Don Juan über die karg ausgestattete Bühne in der Galeria Classica - immer auf der Suche nach der nächsten Frau, nach dem nächsten Kick. „Ich will alles verschwenden in einer einzigen Orgie, die kein morgen kennt“, ruft Jan Mao ins Publikum und reckt die Faust in die Höhe wie frühe Barrikadenkämpfer. Das ist seine Rache am Vater. Die einzige, die ihm bleibt - denn als Kind hat er zwar rebelliert, hat Weihnachtsbäume angesteckt, Scheiben eingeworfen, gegen Schienbeine getreten, das Essen ausgespuckt - folgenlos. Es gab keinen Widerstand seiner Eltern. Franz dagegen jammert heute verpassten Chancen nach: „Man hätte doch mehr zeugen sollen, damals. Nur ein Kind ist einfach zu riskant.“

Elvira (Uta Eisold) geht es ähnlich. Steinreich ist sie, Herrin über ein Firmen-Imperium. Ihre Tochter Anna (Ayana Goldstein) ist der krasse Gegenentwurf zu Jan Mao. Anna ist immer auf der Suche nach der eigenen Optimierung, angepasst bis zum geht nicht mehr. Auch Sex ist allenfalls ein Kalkül, das aufgeht oder eben nicht. Anna ist aus Sicht ihrer Mutter zu „konform“, zu angepasst.

Alles Wissen nützt nichts

In Kricheldorfs Figurenpanoptikum gibt es noch Rudolf (Roman Pertl) und Tine (Victoria Schmidt). Beide kommen aus der Unterschicht. Tine verkauft Handyverträge und hofft auf den richtigen Mann, der sie rausholt aus ihrem Dasein. Rudolf dagegen hat auf Bildung gesetzt, hat vier Studiengänge summa cum laude abgeschlossen. Doch all sein Wissen nützt ihm nichts, an ihm haftet der Fischgeruch der Eltern, die Türen des Establishments bleiben für ihn fest geschlossen. Es reicht nur zum Diener des Schnösels Jan Mao. Aber alle sind sie auf ihre Art pragmatisch, kühl, berechnend - die einen mit vielen, die anderen ohne Chancen.

Regisseur Dominique Schnizer und Ausstatterin Christin Treunert siedeln das pointierte Dialogstück der derzeit wohl erfolgreichsten deutschen Gegenwartsdramatikerin Rebekka Kricheldorf auf einer fast kahlen, schwarzen Bühne an. Im Zentrum steht eine drehbare, mit durchscheinendem Gaze bespannte Wand, die durch eine geschickte Lichtregie Blicke öffnet und versperrt.

Schnizer und das durchweg sehr spielfreudige, ungemein textsichere Ensemble haben sich ganz auf die geschliffenen Dialoge und Monologe konzentriert, die sie sich schnell und souverän zuspielen wie Bälle. Auf den ersten Blick ist „Die Ballade vom Nadelbaumkiller“ ein witziges Stück über den Kampf der Generationen, über Wohlstandsverwahrlosung, eine Jugend ohne Ideale, über hilflose, gescheitere Eltern. Doch die „Ballade“ geht darüber hinaus - etwa mit Seitenhieben auf die Erbschaftsdiskussion: Die Unterschichten können strampeln, wie sie wollen, an die Futternäpfe lassen die Reichen sie nicht heran. Sehr sehenswert.

  • Weitere Aufführungen sind am Dienstag sowie am 27. März, am 10., 15. und 18. April jeweils ab 19.30 Uhr in der Galeria Classica.

von Uwe Badouin

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