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Des Kaisers gackernde Hühner

Stadttheater Gießen: „Romulus der Große“ Des Kaisers gackernde Hühner

Lautes Hühnergackern füllt den Theaterraum: 
Die Premiere zu Friedrich Dürrenmatts absurder ­Komödie „Romulus der Große“, einem leidenschaftlichen Hühner­züchter, hat begonnen.

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Kaiser Romulus (Roman Kurtz) und der Germane Odoaker (Harald Pfeiffer) fachsimpeln über ­Hühnerzucht.

Quelle: Rolf K. Wegst

Gießen. Da die Hühner gewissermaßen Hauptfiguren darstellen, war es ein geschickter Schachzug von Gastregisseurin Astrid Jacob, die Holzvögel zumindest akustisch lebendig werden zu lassen. Zu hören ist hier das lächerliche Gegackere als Hintergrund eines Theaterstücks, das Patriotismus in den absurdesten Varianten zur Schau stellt.

Das Licht geht an, eine offenes Atrium im Süden, Liegestühle, Sonnenschirme, Handtücher. Im Zentrum sitzt Romulus auf einem hohen Schiedsrichterstuhl und erkundigt sich nach der Ausbeute an Eiern. Zu erleben ist hier ein hellwacher Roman Kurtz in der Titelrolle, der als amtsmüder Regierungschef oft genug den Gelangweilten geben muss. Der Beifall des ausverkauften Hauses ist ihm sicher, auch die Darsteller der Familienmitglieder und seines Hofstaates haben sich den anschließenden Premierenapplaus wohl verdient.

Hühnerzüchter statt Heerführer

Der historische Romulus lebte 
etwa 500 Jahre nach Christus, Friedrich Dürrenmatt hat seine wie er sie selbst betitelt „ungeschichtliche historische Komödie“ 1948 verfasst, und mittlerweile ist das 21. Jahrhundert erreicht. Drei Epochen, die vor großen Umbrüchen stehen, deren Regierende sich umorientieren müssen. So begreift Regisseurin Astrid Jacob das Römische Reich in seiner Stellvertreterfunktion für Weltreiche.

Die Germanen stehen vor der Tür. Doch Kaiser Romulus widmet sich auf seinem Landsitz in Kampanien lieber der Hühnerzucht, als sich um die eintreffenden Katastrophenmeldungen zu kümmern. Die patriotischen Appelle der allzu überdrehten Minister Tullius Rotundus (Rainer Hustedt) und Mares (Jan-Christoph Kick) kümmern den Kaiser wenig, der von Pfeilen durchbohrte Bote aus dem Kriegsgebiet (köstlich: Sebastian Songin) wird gar nicht erst angehört. Auch die beiden treuen Kammerdiener (Beatrice Boca und Tom Wild), die „einzigen Säulen des Kaiserreichs“, haben ihre liebe Last mit dem Herrscher, der nur seine Hühner im Kopf hat. So fällt die Schilderung des Lebens am Hof manchmal allzu klamaukig aus.

Vier Szenen umfasst das Stück, das dann doch mit einigen Wiederholungen der Argumente aufwartet. Dabei dauert das Stück in der von Dürrenmatt geänderten Fassung von 1980 nur noch zwei Stunden anstatt, wie im Ursprungstext, ganze drei Stunden. Dennoch: Der Umgang mit modernen Klassikern ist nicht immer der einfachste. Dramaturgin Cornelia von Schwerin und Regisseurin Astrid Jacob haben sich da keine leichte Aufgabe vorgenommen. Dürrenmatt selbst sagt: „Der Weltgeschichte ist nur mit einer Komödie beizukommen“, lässt aber dann doch seinen Antihelden Romulus ein gestrenges Urteil fällen über die Machenschaften des Römischen Reiches.

Rupfs Reichtum rettet Römisches Reich

Noch sind wir nicht am Ende: Auch die gestrenge Ehefrau Julia (Kyra Lippler) und Tochter Rea (Marlene-Sophie Haagen) versuchen, den Kaiser an seine vaterländische Pflicht zu erinnern. Doch Romulus wehrt ab: „Vaterland nennt sich der Staat immer dann, wenn er sich anschickt, auf Menschenmord auszugehen“. Unterdessen taucht der oströmische Kaiser Zeno der Isaurier (Pascal Thomas) auf und will sich mit Romulus gegen die Germanen verbünden.

Letzte Rettung scheint jedoch der Hosenfabrikant Cäsar Rupf zu sein, der durch die Produktion von Beinkleidern für die Germanen zu großem Reichtum gekommen ist. Rupf (Tom Wild), der mit großspurigem Auftreten und Donald Trump-Toupet ungute Assoziationen weckt, will mit einer Millionenzahlung das Reich retten, dafür aber Tochter Rea zur Frau. Doch Rea ist mit Ämilian (Lukas Goldbach) verlobt, der schwerverletzt aus germanischer Gefangenschaft kommt. Doch die Liebe zum Vaterland ist für Rea wichtiger als die zu ihrem Verlobten.

In diesem Trubel wollen Familie und Hofstaat in einem Floß nach Sizilien flüchten, ertrinken aber unterwegs. Kaum hat Romulus die traurige Nachricht erfahren, steht schon der Germane Odoaker (Harald Pfeiffer) im Raum. Überraschendes Ende: Der Germane lehnt es ab, den besiegten Römer zu töten, vielmehr sprechen die beiden Herrscher über Hühnerzucht. Odoaker wird König von Italien, Romulus erhält eine 
großzügige Pension. Doch im Hintergrund lauert schon Theoderich, der bald alles an sich reißen wird.

  • Weitere Aufführungen folgen diesen Samstag sowie am 1. Dezember, 14. und 27. Januar, 4. Februar, 19. März und 2. April 2017, jeweils um 19.30 Uhr im Großen Haus.

von Ursula Hahn-Grimm

 
 
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