Volltextsuche über das Angebot:

19 ° / 9 ° wolkig

Navigation:
Der vergessene Jahrhundert-Bestseller

Literatur Der vergessene Jahrhundert-Bestseller

Heute vor 100 Jahren starb Agnes Günther in Marburg im Alter von 47 Jahren. Ein Jahr später erschien ihr Roman „Die Heilige und ihr Narr“. Es wurde ein Jahrhundert-Bestseller mit 1,8 Millionen verkauften Exemplaren.

Voriger Artikel
Junge Sängerin erobert Bühne
Nächster Artikel
Kleine Kunst mit Dennewitz

Ein Jugendfoto von Agnes Günther.

Marburg. Agnes Günther ist die wohl unbekannteste deutsche Bestsellerautorin. Wenige erinnern sich heute an ihren Namen, dabei hat ihr einziger großer Roman Furore gemacht: „Die Heilige und ihr Narr“, 1913 posthum erschienen, wurde ein legendärer Erfolg. Die Romanze traf den Nerv der Zeit. Der Roman schildert die Liebe und das Leben der Fürstentochter Rosmarie. Deren Glück wird von ihrer eifersüchtigen Stiefmutter zerstört. Es wurde ein vielgeliebter (und von Kritikern geschmähter) Roman, der bis heute vor allem an weibliche Leserinnen verkauft wird: 2005 erschien im Steinkopf-Verlag die 143. Auflage. Rund 1,8 Millionen Exemplare wurden verkauft.

Die am 21. Juli 1863 in Stuttgart geborene Schriftstellerin Agnes Günther zog 1907 mit ihrem Mann, dem Theologen und Philosophen Professor D. Rudolf Günther, nach Marburg. Die Günthers kamen aus Langenburg in Hohenlohe, wo ihr Mann 16 Jahre lang Dekan war.

Agnes Günther war in den Professorenkreisen bald eine sehr angesehene und beliebte Dame. Auch kamen viele junge Studenten und Studentinnen durch ihre beiden Söhne ins Haus Barfüßertor 25, wo die Familie lebte. Darunter waren auch die Töchter der Familie von Professor Kurt Hensel, die am Schlossberg lebte. Eine von ihnen wurde ihre Schwiegertochter, jedoch erlebte Agnes Günther die Verlobung und Heirat nicht mehr.

Damals hätte niemand gedacht, dass diese zierliche, lebhafte Frau – die gerne Theaterstücke mit Studenten einstudierte, die mit ihrem Sohn beim Rektorenball die Quadrille tanzte und „mit der hohen Wissenschaft gemütlich plauderte“ – eine so berühmte Schriftstellerin werden würde. Obwohl sie schon 1908 die Marburger Gesellschaft mit dem Büchlein „Waldweihnacht“, erschienen im Verlag „Christliche Welt“, überrascht hatte.

Niemand ahnte, dass diese kleine Geschichte das erste Kapitel eines 744 Seiten umfassenden Romans sein würde. Sie selber hatte es sehr wohl gewusst, und daher auf die Resonanz der Leser geachtet. Da diese positiv ausfiel, verbrachte Agnes Günther schließlich im Sommer 1909 – abgeschieden vom umtriebigen Marburger Leben – einen zweieinhalbmonatigen Schreiburlaub in ihrer schwäbischen Heimat Langenburg. Sie hatte den Roman über acht Jahre hindurch im Kopf konzipiert, und brauchte ihn nur noch zu Papier bringen.

In Marburg schrieb sie dann an ihrem Werk weiter und erkrankte schwer an Tuberkulose. Sie nahm im Februar das Manuskript mit nach Davos ins Sanatorium, um weiter zu schreiben, zu korrigieren. Agnes Günther brach ihren Aufenthalt in Davos im Juni 2010 ab, da sie wusste, dass sie nur noch eine sehr begrenzte Lebens- und Schaffenszeit hatte.

Das, was die Leserschaft seit dem Erscheinen des Buches 1913 im Stuttgarter Steinkopf Verlag, in den Bann zog, war nicht die Romanhandlung an sich. Die Leserschaft, sie war überwiegend weiblich, erkannte in ihrem Roman Seelenbilder, die an alte Mythen, an Märchen erinnerten. Hinzu kommen die wunderbaren Naturstimmungen.

Das geheimnisvolle Übersinnliche, das Agnes Günther der Hauptfigur andichtete, sind ihre eigenen Erlebnisse. Dieses Buch vermag letzte Antworten des Lebens zu geben, aber feiert auch die Schönheit des Lebens.

„Die Heilige und ihr Narr“ wurde ein legendärer Best- und Longseller, 1,8 Millionen mal gedruckt, in 17 Sprachen übersetzt, 3 mal verfilmt. Auch heute noch kann man ihn im Buchhandel in der 143. Auflage von Steinkopf, 2001 kaufen oder in der Auflage von 2005 im Area Verlag.

von Dorothea Demmel (Schwäbisch Hall, forscht seit 2006 zu Agnes Günther)

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Hier finden sie die Kommentare und Meinungen der Redakteure zu lokalen und weltpolitischen Themen sowie Glossen und augenzwinkernde Beträge. mehr