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Der tödliche Rand der Zivilisation

OP-Buchtipp: „Hart auf Hart“ Der tödliche Rand der Zivilisation

Es gibt einen Trend zur schnellen Übersetzung. So erscheint etwa „Hart auf hart“, der neue ­Roman des US-Kultautors T. C. Boyle, in Deutschland.

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Der US-Amerikaner T.C. Boyle erzählt in „Hart auf Hart“ eine Geschichte von Hass, Paranoia und Gewalt.

Quelle: Tom Schulze

Vater und Sohn, beide töten aus Überzeugung und Trotz. Der eine wird dafür verehrt, der andere verfolgt. Sten, der Ältere, ist ein verdienter Vietnamveteran und Schuldirektor, der zum Helden erklärt wird, als er bei einem Seniorentrip im Busch von Costa Rica einen jugendlichen Räuber erwürgt.

Sein Sohn Adam ist das pathologische Zerrbild seines Vaters: Geprägt von einer ähnlichen soldatischen Selbstdisziplin, wähnt er sich als Einzelkämpfer gegen ominöse Feinde. Mit einem Gewehr zieht er sich in die Wildnis nahe dem kalifornischen Urlaubsparadies Mendocino zurück, um sein Revier zu verteidigen.

„Hart auf Hart“, der neue Roman des US-Kultautors T. C. Boyle, legt die Doppelmoral und Arroganz einer Gesellschaft offen, die das Töten im Dienste der Achse des Guten legitimiert. In Stens Sätzen „Er war Amerikaner. Er war angegriffen worden“ schwingt die Kränkung einer Nation mit, die nach dem 11. September die Erkenntnis der eigenen Verwundbarkeit nur durch eine Gegenattacke zu verarbeiten versteht.

In jedem Kapitel eine neue Perspektive

Boyle erweist sich erneut als Enfant terrible der US-Gegenwartsliteratur und liefert einen Beitrag zur Waffendebatte in den USA, die mit ihrer Gleichsetzung von Freiheit und Waffenbesitz Gewalt befördern. Umso bemerkenswerter ist es, dass dieser große Amerika-Roman zuerst in deutscher Sprache erschien, das englischsprachige Original folgt erst Ende März.

Boyle entwickelt seine Geschichte aus drei Perspektiven, die mit jedem Kapitel wechseln. Weil sie alle drei unzuverlässig und wahnverzerrt sind, wird die Rekonstruktion der tatsächlichen Ereignisse für den Leser zum reizvollen Puzzlespiel.
Die dritte Erzählfigur neben Sten und Adam ist Sara. Die geschiedene Vierzigjährige ist eine Systemverweigerin, die aus Prinzip keine Steuern zahlt, ohne Gurt Auto fährt und sich in den jüngeren Adam verliebt.

Boyle beschreibt sie immerzu beim Kochen, mit Kräutern aus dem Garten oder Cordon bleu aus dem Ofen und macht sie so zu einer seiner sinnlichen Frauengestalten. Sex spielt in Boyles Romanen stets eine große Rolle, hier wird er zur Schwachstelle des Waldläufers Adam, der gemäß dem Titel hart und immun gegenüber menschlichen Regungen sein möchte.

Aussteigermotiv zieht sich durch Boyles Romane

Der Originaltitel „The Harder They Come“ ist eine Anspielung auf den gleichnamigen Kinofilm aus dem Jahr 1972. Er handelt von einem jungen Möchtegernsänger, der sich mit dem Verkauf von Marihuana über Wasser hält. Wie der Filmprotagonist gerät in Boyles Roman auch Adam in den Konflikt mit dem unerbittlichen System. Während er im Wald eine Mohnplantage anlegt, vertreibt sich sein Vater die Zeit im Ruhestand als Polizeihelfer bei der Suche nach Marihuanafeldern.

Adam identifiziert sich mit dem Trapper John Colter, der Anfang des 19. Jahrhunderts den amerikanischen Westen erkundete und der Legende nach ein Wettlaufen auf Leben und Tod mit den Blackfoot-Indianern gewann. Adam wird zum Doppelgänger dieses Chuck-Norris-Verschnitts, scheitert jedoch beim Versuch, unantastbar wie Colter zu werden.

Das Aussteigermotiv zieht sich durch Boyles Romane, in „Grün ist die Hoffnung“ (1993) und „Drop City“ (2003) über eine Hippie-Kommune spielen zudem ebenfalls Drogen eine entscheidende Rolle. Die Vorliebe des Autors für seltsame Typen, die im Einklang mit der Natur leben wollen, spiegelt sich auch in seinem vorletzten Roman „San Miguel“ (2012) über ein Paar wider, das auf der gleichnamigen Insel ein Leben in der Einöde führt.

Die Selbstbehauptung in der Wildnis symbolisiert jeweils den Kampf um die persönliche Freiheit, die an ihre Grenze stößt. In „Hart auf Hart“ besteht diese darin, dass das System keine Aussteiger duldet. Der Westen ist erkundet, der amerikanische Traum bloß noch ein Mythos wie Colter. Den Rand der Zivilisation zu überschreiten ist tödlich.

  • T. C. Boyle: „Hart auf Hart“, Carl Hanser Verlag, 400 Seiten, 22,90 Euro.

von Nina May

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