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Der tiefe Sturz eines Kritikerlieblings

Stewart O‘Nan über Francis Scott Fitzgerald Der tiefe Sturz eines Kritikerlieblings

In der Reihe „Vom Wert des Übersetzers“ waren am Sonntagabend der US-Autor Stewart O‘Nan und sein deutscher Übersetzer Thomas Gunkel zu Gast im Theater am Schwanhof.

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Seit 21 Jahren übersetzt Thomas Gunkel (links) bereits die Romane des US-Autors Stewart O`Nan.

Quelle: Marcus Hergenhan

Marburg. Weltruhm. Kritikerliebling. Bestsellergehälter. Rauschende Feiern als Glamourpaar. So erinnert sich die Welt an Francis Scott Fitzgerald, einen der berühmtesten Schriftsteller des neuen Kontinents, dessen mehrfach verfilmter Roman „Der Große Gatsby“, zu den Klassikern der Weltliteratur zählt.

1937 war von all dem nicht viel geblieben, in den letzten Jahren seines Lebens kämpfte Fitzgerald mit Geldproblemen, seinem Alkoholismus und der tragischen Beziehungen zu seiner geliebten Zelda, die statt mit ihm das Tanzbein zu schwingen, ihr Leben nur noch in Sanatorien ertragen konnte.

„Erfolgreich war Fitzgerald vor allem in seiner Jugend, etwa mit dem Werk ,This side of Para­dise‘, das ihn mit 23 schon sehr wohlhabend gemacht hatte. In den späten 30er-Jahren hatte er aber kaum noch echte Kassenschlager veröffentlicht“, erklärt der Übersetzer Thomas Gunkel, der am Sonntag zusammen mit dem US-Autor Stewart O‘Nan aus dessen Buch „Westlich des Sunset“ vorlas.

Hemingway fürchtete Fitzgeralds Talent

Das jüngste Werk des Schriftstellers aus Pittsburg gibt Einblick in den Untergang Fitzgeralds. Das Buch berichtet von dessen erfolglosen Versuchen, mit seiner Frau irgendwie doch so etwas wie eine Ehe zu führen, obwohl er selbst für ihren Geisteszustand mit verantwortlich war.

O‘Nan schreibt von Fitzgeralds Affären und dessen Beziehung zu Hemingway. Denn obwohl der Ruhm des Autors zu dieser Zeit schon verblasst war, lebte er immer noch in Hollywood und verkehrte mit den Stars seiner Zeit.

Hemingway, längst erfolgreicher als sein Entdecker und Unterstützer aus Jugendtagen, fürchtete, getrieben von seinem ewigen Wunsch der Beste zu sein, immer noch Fitzgeralds Talent. „Ich schreibe vor allem gerne über Menschen, die alles verloren haben und von diesem Verlust aufgefressen werden. Über Hemingway würde ich nie schreiben, einfach weil ihm dazu dieses Gefühlvolle vollkommen abging“, erklärte O‘Nan.

In diesem Urteil über den zweiten großen Schriftsteller in O‘Nans Roman waren sich Autor und Übersetzer einig, wie sie auch sonst nach 21 Jahren „wie Zwillinge“ zusammengewachsen sind.
Passenderweise war die Lesung im Hessischen Landestheater Bestandteil der Reihe „Vom Wert des Übersetzers“.

Gunkel: Buch besonders dankbar zu übersetzen

Sie bot viel Raum für Kommentare aus dem Publikum. Die Räumlichkeiten der Black Box waren gut gefüllt und die Zuhörerinnen und Zuhörer lauschten gebannt, wie Passagen und Anekdoten aus und um den Roman mal in englischer, mal deutscher Sprache vorgetragen und diskutiert wurden. Im Anschluss gab es noch Gelegenheit für Rückfragen. Oft ging es dabei um die Rolle, die Gunkels Übersetzungsarbeit für den Autor spielte.

„Natürlich werde ich trotz der vielen Editierungsprozesse im Vorlauf, durch die Gespräche und Fragen von Thomas immer noch auf Fehler und Verbesserungsmöglichkeiten aufmerksam.Das nützt zwar der amerikanischen Erstausgabe Nichts mehr, aber späteren Editionen“, erklärte der Schriftsteller und lobte die Geduld seines Übersetzers, mit der dieser die vielen Slang-Begriffe in den Texten meisterte.

Gunkel dazu: „Vor allem sehr amerikanische Themen mit 
ihren eigenen Begrifflichkeiten, 
wie etwa Baseball, bereiten 
einem schon Kopfzerbrechen. Aber dieses Buch war das erste, wo ich sage: Es ist nicht nur an sich fantastisch, sondern es war auch besonders dankbar zu übersetzen.“

von Marcus Hergenhan

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