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Der sichere Tod als Familienbegleiter

Carsten Weber-Isele las aus „Blauschneetage“ Der sichere Tod als Familienbegleiter

Ein Mann liegt angekleidet auf dem Bett neben seiner soeben verstorbenen Frau und erinnert sich. An die gemeinsame Zeit, an die vielen kleinen Details, die ihm erst jetzt deutlich vor Augen treten, und noch weiter zurück, an die eigene Kindheit, die Geborgenheit seines ersten Verstecks.

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Dr. Carsten Weber-Isele las aus seinem Roman „Blauschneetage“.

Quelle: Marcus Hergenhan

Marburg. Es ist menschlich, unmittelbare Sympathie und Mitleid zu empfinden für den Witwer, der unabhängig von diesem schweren Schicksal als sehr einfühlsamer, sensibler Mensch beschrieben wird. Eben dieses Mitleid empfanden wohl auch viele der Zuhörer der Lesung des Romans „Blauschneetage“ in der Buchhandlung Jacobi.

Doch so einfach wird es der in Marburg geborene Autor und in Frankenberg praktizierende Psychiater Dr. Carsten Weber-Isele seinen Lesern nicht machen. Denn Herrmann, der Witwer, dessen Familiengeschichte 
den Hauptteil in Weber-Iseles 
Erstlingswerk ausmacht, ist nicht nur trauernder Ehemann, sondern auch überzeugter Nazi. Als der verkrüppelt aus dem Krieg heimkehrende Schwiegersohn nicht mehr an den Erfolg der Sache glauben mag, ist Hermann sogar enttäuscht.

Ergänzt wurden die Leseabschnitte durch musikalische Einlagen aus dem 16. Jahrhundert von Professor Wolfgang Schroeder, einem Kollegen des Autors, für den das Schreiben auch eine Form der Bewältigung des Berufsalltages ist.

Die Lebensgeschichte von Hermann und seiner Familie weicht im Roman auch immer wieder für Passagen aus der Gegenwart, die von Herbert erzählen. Dieser hat eine ganz besondere Verbindung mit Herrmanns verstorbener Frau Katharina, sie eint dasselbe Schicksal, der sichere Tod.

Ein ethisches Dilemma

Chorea Huntington lautet der wissenschaftliche Name dieser bis heute unheilbaren Krankheit, die erblich ist, im fortgeschrittenen Erwachsenenalter ausbricht und anschließend fortlaufend Teile des Gehirns zerstört. Diese mit etwa sieben Betroffenen auf 100.000 vergleichsweise häufige Erbkrankheit eint alle Handlungsstränge des Romans. Es ist die Gewissheit des Todes, die Auswirkung auf die Familienmitglieder, die der Geschichte ihr Gewicht verleihen.

Dieses war auch durch die 
Fragen der rund 20 Gäste zu spüren, die stumme Furcht, das Mitgefühl mit den Betroffenen, die belastende Feststellung über die Vererbung als einzige Form der Verbreitung. Als Arzt antwortete Weber-Isele eindeutig: „Es lässt sich nicht behandeln, derzeit ist es nur möglich, eine Ausbreitung dadurch zu verhindern, dass die Träger des spezifischen Gens sich nicht fortpflanzen.“ Bereits im Kindesalter sei es möglich, den Defekt eindeutig zu bestimmen. Das resultierende ethische Dilemma ist offenkundig. Die Vererbungswahrscheinlichkeit des Gens liegt bei genau 50 Prozent.

Als Hermanns Frau im Roman 1943 stirbt, entgeht sie damit knapp dem Erlass, dass vom NS-Regime so genannte „Schwachsinnige“ vernichtet werden müssen.
Hermann kennt zwar nicht die genauen medizinischen Zusammenhänge, weiß aber, dass die Krankheit in der Familie seiner Frau häufiger auftrat. Dennoch ist er sich sicher: „Meine Kinder, meine deutschen Kinder, die werden gesund bleiben.“

  • Carsten Weber-Isele: „Blauschneetage“, Books on Demand, Taschenbuch, 192 Seiten, 12,90 Euro.

von Marcus Hergenhan

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