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Der hessische Marcel Proust

Lesung Der hessische Marcel Proust

Tausend Seiten umfasst der neue Roman von Peter Kurzeck. Der Schriftsteller hat den gewichtigen Wälzer mit dem Titel „Vorabend“ am Sonntagvormittag im Café Vetter vorgestellt.

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Der Autor Peter Kurzeck unterhielt sich nach der Lesung angeregt mit Besuchern der Lesung im Café Vetter.

Quelle: Bettina Preussner

Marburg. Dicht gedrängt sitzen die Literaturfreunde im Café Vetter, wo es bei fast tropischen Temperaturen gemütlich warm ist. Ludwig Legge, Vorsitzender der Neuen Literarischen Gesellschaft, begrüßt die Gäste und den Autor mit einer kurzen Ansprache. „Peter Kurzeck wird auch der hessische Proust genannt“, erläutert er. „Er hat den Anspruch, die ganze Gegend und die ganze Zeit zu beschreiben.“

Dann betritt Peter Kurzeck die Bühne, eine freundliche, eher kleine, etwas gebeugte Gestalt. Sogleich beginnt er mit fester Stimme frei zu erzählen und entpuppt sich schnell als begnadeter Alleinunterhalter. „Das Buch ist aus einem Nebensatz meines vorhergehenden Buches entstanden“, erklärt er launig. „Erst wollte ich nur ein paar Seiten zu schreiben, dann ist etwas mehr daraus geworden.“

Der autobiografisch geprägte Roman „Vorabend“ beginnt in der Nachkriegszeit, als der dreijährige Schriftsteller nach Staufenberg bei Gießen zieht, und endet in den frühen 80er Jahren. Kurzeck beobachtet ganz genau, lenkt den Blick auf die kleinen Feinheiten des Alltags und schafft so atmosphärisch dichte Bilder vom vergangenen Leben in der Provinz.

Und vor allem von den Veränderungen, die sich in der Gegend vollziehen und die Menschen direkt betreffen. Da sind die grünen Wiesen rund um Lollar, die bald den schicken Neubausiedlungen weichen müssen. Da ist der kauzige, bodenständige Schwager, der nur Lollarer Oberhessisch spricht und sich bald isoliert fühlt. Und da sind die Arbeiter, die sich ein Leben ohne Buderus nicht vorstellen können und sechs Tage pro Woche im Eisenwerk schuften müssen. Schon wenige Jahre später haben sie viel Freizeit und fahren mit den Autos zum Joggen an den Waldrand.

„Man kann vieles verstehen, wenn man nur genau hinguckt“, betont Peter Kurzeck während der Lesung und behauptet, auch zu verstehen, was Pferde und Hunde denken. Seine Fans zeigten sich beeindruckt von den sprachgewaltigen Erzählungen, dem feinsinnigen Humor und der großen Beobachtungsgabe des Schriftstellers.

Peter Kurzeck wurde 1946 aus der Tschechoslowakei vertrieben und zog mit seiner Familie nach Hessen. Seit 1977 lebt er in Frankfurt und im südfranzösischen Uzés. Für sein Werk erhielt er unter anderem den Alfred-Döblin-Preis und den großen Preis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste.

von Bettina Preussner

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