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"Der große Gatsby" wird zur temporeichen Revue

Stadttheater Gießen "Der große Gatsby" wird zur temporeichen Revue

Verdirbt Geld den Charakter? Nun, zumindest beim Blick in F. Scott Fitzgeralds Roman „Der große Gatsby“ drängt sich der Gedanke auf. Das Stadttheater Gießen bringt ihn als temporeiche, sehr unterhaltsame Revue auf die Bühne.

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Partystimmung auf der Bühne des Stadttheaters Gießen: „Der große Gatsby“ entführt die Zuschauer in die Welt der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts.Foto: Rolf K. Wegst

Quelle: Rolf K. Wegst

Gießen. Seit Samstag ist die Geschichte in einer Version von Rebekka Kricheldorf am Stadttheater Gießen zu sehen. Inszeniert hat sie Matthias Kniesbeck im rastlosen Stil eines Roadmovies. Damit ist der inszenatorische Kern von Kniesbecks Version angesprochen, der die Geschichte in Form rascher Szenenwechsel mit Gesangseinlagen erzählt. Mal ist der Zuschauer zu Gast im Hause der Familie Buchanan, mal bei Gatsby auf einer Party, dann wieder an der Tankstelle der Wilsons, wobei es der Clou dieser Inszenierung ist, dass sich die Szenenwechsel vor dem Zuschauerauge vollziehen.

Das ist maßgeblich Stephanie Kniesbecks Bühnenbild zu verdanken. Es nutzt die Drehbühne des Großen Hauses, um einzelne Milieus und Spielorte in raschem Wechsel am Zuschauerauge vorbeiziehen zu lassen. Eine glänzende Idee, die der Vielschichtigkeit von Geschichte und Erzählfluss gerecht wird, indem sie Gleichzeitigkeit verschiedener Handlungsebenen herstellt.

Darüber hinaus bringt diese Rastlosigkeit ordentlich Tempo in die Inszenierung, die zu keiner Sekunde langweilig ist und in Sachen Bühnenbild und Kostüme, für die ebenfalls Stephanie Kniesbeck verantwortlich zeichnet, höchst sehenswert daherkommt. Bühne und Kostüme zusammengenommen hat Kniesbeck eine Optik geschaffen, die schon dem Stil der zwanziger Jahre als Zeit der Handlung treu bleibt, dabei aber durch rudimentär gegenständliche Ausstattung und leichte Modernisierung den historischen Rahmen öffnet, um die zeitlose Mehrdeutigkeit der Kerngeschichte durchschimmern zu lassen.

Dieser Ansatz ist beachtlich, denn durch die optische Offenheit gelingt es im Verbund mit den schnellen Szenenwechseln, den Zuschauer mitzureißen in eine Geschichte, die auf einer tieferen Ebene den Finger in die Wunde legt und deutlich macht: Ja, Geld kann den Charakter verderben. Hut ab vor dieser Inszenierung mit hohem Unterhaltungswert, für die es bei der Premiere am Samstag viel Beifall gab.

Nicht zuletzt natürlich auch wegen glänzender Leistungen des Schauspielensembles, das ein ums andere Mal seine Gesangsqualitäten unter Beweis stellt. Und auf dessen Spiel sich Kniesbeck, der auf Elemente wie Videos vollständig verzichtet, voll verlässt.

Dieses Vertrauen in ursprüngliche Mittel des Theaters zahlt sich voll aus, denn gemeinsam ist es der Truppe gelungen, eine erstklassige Inszenierung auf die Beine zu stellen, die Theaterfreunde nicht verpassen sollten. Großen Anteil am Erfolg haben auch der musikalische Leiter Martin Spahr und die Seinen, die teils historische, teils moderne Klänge aus dem Orchestergraben beisteuern. Kurzum: „Der große Gatsby“ in Gießen ist eine Inszenierung, die richtig Laune macht.

Die nächsten Aufführungen sind am 8., 22. und 29. November jeweils um 19.30 Uhr im Großen Haus. Informationen auch im Internet unter www.stadttheater-giessen.de.

von Stephan Scholz

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