Volltextsuche über das Angebot:

22 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Der Weg zum „Schluckspecht“

Hessisches Landestheater Der Weg zum „Schluckspecht“

Für seinen Roman ­„Rabenliebe“ erhielt ­Peter Wawerzinek 2010 den renommierten ­Inge­borg-Bachmann-Preis. Am Samstag bringt das Hessische Landestheater seinen Roman „Schluckspecht“ auf die Bühne.

Voriger Artikel
Tierische Castingshow sprüht vor Vitalität und Witz
Nächster Artikel
Vom Leben und Sterben einer Agentin

Stefan Piskorz und Viktoria Schmidt spielen die beiden Hauptrollen in der Uraufführung der Bühnenversion des Romans „Schluckspecht“.

Quelle: Jan Bosch

Marburg. Die Biografie von Peter Wawerzinek liest sich gruselig. Zweieinhalb Jahre alt war er, als seine alleinerziehende Mutter ihn und seine ein Jahr jüngere Schwester 1956 in der Wohnung in Rostock zurückließ und in den Westen ging. Die Kinder wurden später halbverhungert aus der verwahrlosten Wohnung geholt. Es folgten – getrennt von der Schwester – Kinderheime und schließlich zehn Jahre später die Adoption.

Wawerzinek hat diese ­Lebensgeschichte einer mutter- und vaterlosen Kindheit in ­„Rabenliebe“ erzählt – als „großen Schmerzensmonolog“, wie die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ schrieb. „Zu meinem 50. habe ich mir geschenkt, rauszukriegen, wo sie wohnt“, sagt er im Gespräch mit der OP. Sein Fazit: „Die ist abgehakt.“

Nicht mehr Mensch, nur noch Trinker

Autobiografisch ist auch sein zweiter großer Roman „Schluckspecht“ – die Beichte eines exzessiven Trinkers. „Ich schreibe nur autobiografisch, immer, ich kann gar nicht anders“, sagt der 62-Jährige. Seit vielen Jahren lebt er in Berlin, im heutigen Szeneviertel Prenzlauer Berg. Er war als Stegreif-Poet und Performance-Künstler Teil der Ost-Berliner Künstler-Avantgarde. Dort hat er gesoffen, so viel, so oft, dass er bald keine Freunde mehr hatte.

„Die Kneipe, für jeden Säufer ein Ort mit Klang im Ton, wie Glockengeläut. Man möchte lieber hier und mit seinen Säufern an Bord untergehen als in den Palästen der Reichen biologisch abgesichert“, schreibt er in seinem Buch. Aber der Rausch vertreibt selbst gute Freunde. „Erst ist der Trinker noch Mensch, dann ist der Mensch nur noch Trinker“, sagt er.

Wie wird man zum Trinker? Davon erzählt sein 2014 erschienenes Buch, ebenso drastisch wie poetisch. Seine Adoptiveltern hatten immer selbst gemachten Rumtopf oder Eierlikör im Haus. Im Keller der Alkohol, auf dem Dachboden die Bücher. Er hatte beides. Literatur und frühen Suff.

Wiederauferstehung
 als Schriftsteller

Doch es ist das große Loch der verlorenen Mutterliebe, die Wut, der Hass, die Trauer, die er in „Rabenliebe“, beschreibt, die durch Alkohol betäubt wird. „Mit den seelischen Nöten ist es gar kein Wunder“, sucht er eine Erklärung für die Filmrisse, die Blackouts, die Exzesse.

Ein Wunder ist auch seine ­Wiederauferstehung als Schriftsteller, der den Ingeborg-Bachmann-Preis gewinnt, eine der wichtigsten Auszeichnungen im deutschsprachigen Literaturbetrieb.

Fünf Jahre lang hat Peter Wawerzinek in einer ungewöhnlichen Therapie gegen die Sucht gekämpft: „Heute bin ich ganz, ganz selten betrunken“, erzählt er. Aber das Buch handele ja nicht nur vom langen Weg zum Trinker, „es geht ja auch darum, dass man wieder wegkommt“, erklärt er.

Wie bringt man nun ein 460 Seiten dickes Buch auf die Bühne, einen Roman? Simon Meienreis, Dramaturg am Hessischen Landestheater, geht das Wagnis in seiner ersten großen Regiearbeit ein. Gemeinsam mit dem Chefdramaturgen Franz Burkhard hat er die 460 Seiten noch einmal – um in der Fachsprache zu bleiben – destilliert auf eine Bühnenfassung von 27 Seiten.

Autor steht selbst auf der Bühne

Meienreis hat keine Dialogfassung geschrieben. Er und die beiden Darsteller Stefan Piskorz und Victoria Schmidt sprechen von „Textflächen“ – also­ ­Romanauszügen. Das Stück spielt in einer Kneipe – an einem Abend soll exemplarisch nachvollzogen werden, was ­Wawerzinek in vielen Jahren­ ­erlebte: Vom ersten Rausch bis zum bitteren Kater, erklärt ­Meienreis: Die Dramaturgie des Stückes soll „Emotionen und Zustände transportieren“.

Meienreis und Wawerzinek kennen sich aus Jena. So gab es schließlich grünes Licht für das Landestheater. „Schluckspecht“ ist nach „Rabenliebe“ der zweite Roman des Schriftstellers, der für die Bühne aufbereitet wurde. „Rabenliebe“ hat Starregisseur Armin Petras für die Bühne aufbereitet, die Uraufführung war am 3. Oktober 2015 am Staatsschauspiel Dresden.

Nun also „Schluckspecht“ in Marburg. Noch dazu steht der Autor mit auf der Bühne. „Er darf das machen“, sagt ­Wawerzinek lächelnd über das ­Bühnenprojekt von Meienreis. „Aber nur, wenn ich mitspielen darf. Schreiben ist ein langweiliger, eintöniger Job, das Spielen eine Art Belohnung. Der Schluckspecht belohnt sich ja auch dauernd.“

  • Für die Premiere am Samstag um 19.30 Uhr in der Black Box im Theater am Schwanhof gibt es noch Karten. Weitere terminierte Aufführungen bislang sind am 13. Dezember und 8. Januar 2017.

von Uwe Badouin

 
 
Voriger Artikel
Nächster Artikel

Hier finden sie die Kommentare und Meinungen der Redakteure zu lokalen und weltpolitischen Themen sowie Glossen und augenzwinkernde Beträge. mehr