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Der Sound der jungen Europäer

Eigentlich wollte ich nach Finnland Der Sound der jungen Europäer

Fünf Schauspieler, 17 Schicksale und viele Länder in der Krise – davon erzählt das Stück „Eigentlich wollte ich nach Finnland“, das am Donnerstag im Marburger G-Werk Premiere feierte.

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Junge Europäer stehen im G-Werk auf der Bühne und präsentieren dem Publikum die Geschichten junger Migranten.Foto: unitedOffproductions

Marburg. Regisseur Dieter Krockauer verbindet die Erlebnisse und Gedanken junger, gut ausgebildeter Immigranten zu einer lebendigen Choreographie. Die Grundlage für das Stück, die Krockauers unitedOFFproductions in Kooperation mit der Marburger Theaterformation german stage service präsentiert, sind Gespräche mit 17 jungen Europäern, die die Freizügigkeit der EU genutzt haben, um der Perspektivlosigkeit ihrer Herkunftsländer – Italien, Spanien, Griechenland, Bulgarien oder Rumänien – zu entfliehen und ihre Zukunft anderswo zu suchen. Gelandet sind sie alle in Deutschland, wenn auch nicht immer absichtlich, wie der Titel des Stücks andeutet.

Und nun stehen sie im Spannungsfeld aus Heimatliebe und Neugier auf das andere Leben, aus Integration und Isolation. Befassen sich mit Ausgrenzung und Ausbeutung, werfen befremdete Blicke auf den neuen Lebensort, der nicht mehr Fremde und noch nicht Heimat ist.

Krockauer und die Dramaturgin Graciela Gonzalez de la Fuente haben den Text fast ausschließlich aus Originalzitaten ihrer Interviewpartner zusammengestellt, so dass das Stück einen durchaus dokumentarischen Charakter hat. Die Themen, die zur Sprache kommen, sind hochaktuell, vieles kennt man aus den Medien und hat doch viele Sichtweisen so noch nicht wahrgenommen. Der Zuschauer bekommt immer wieder Denkanstöße, ist verblüfft und bewegt.

Krockauer gelingt es, den politischen Stoff so darzubieten, dass er das Gegenteil von trockenem Verlautbarungstheater auf die Bühne bringt – denn es geht hier um lebendige Menschen, und lebendig sind seine Darsteller, und wie.

Die fünf, die sich da wechselweise ans Publikum wenden, von ihren Gefühlen, Hoffnungen, Wünschen sprechen, die tanzen und singen, sind allesamt so charmant, so sprühend und so positiv, dass der Unterhaltungswert des Abends hoch ist. Zum Teil sind es tatsächlich ihre eigenen Geschichten, die sie erzählen, zum Teil changieren sie auch zwischen verschiedenen Rollen und Personen – authentisch wirken sie dabei jede Sekunde, ungeheuer präsent und charismatisch.

Und auch wenn die Erfahrungen, von denen sie berichten, zu keinen allzu großen Hoffnungen berechtigen, verbreiten sie eine Aufbruchstimmung, die einen dann doch noch glauben lässt an das Konstrukt Europa, oder eigentlich an die Menschen, die es bevölkern. Dass einem klar wird, wie wenig man über Länder wie Bulgarien oder Rumänien weiß, macht dabei gar nichts – die Menschen und ihre Träume, die sind sich sehr, sehr ähnlich.

Das Publikum spendete nach anderthalb rasanten und berührenden Stunden viel Applaus.

Erleben kann man „Eigentlich wollte ich nach Finnland“ noch heute sowie am 2., 3., 4. und 5. April jeweils ab 20 Uhr im G-Werk auf den Afföllerwiesen.

von Heike Döhn

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