Volltextsuche über das Angebot:

26 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
„Der Regisseur ist König und der Intendant der Gott“

„Nachspielzeit“ in der Waggonhalle „Der Regisseur ist König und der Intendant der Gott“

Im Fußball dauert die Nachspielzeit meistens nur drei bis fünf Minuten und kann doch, wie die Zuschauer am Dienstag in der Waggonhalle erfahren sollten, auch dort bereits Großes bewirken.

Voriger Artikel
Maori-Abenteuer und „Monster“ für Kinder
Nächster Artikel
Duo erinnert an eine fast vergessene Komponistin

Willi Schmidt ist Autor, Regisseur und Darsteller in Personalunion.

Quelle: Archiv

Marburg. Das Bühnenstück nach der gleichnamigen Kurzgeschichte von Willi Schmidt, der zusammen mit Janette Bosy auch auf der Bühne steht, dauert eher eine Stunde und erzählt von einer ganzen Nacht.

Die gehört in der Inszenierung allein den beiden Figuren Katja und Lutz, die nach einem Theaterstück noch länger bleiben – es ist ihre Nachspielzeit. Für Lutz, einen vom Leben enttäuschten Lichttechniker, ist es längst normal, diese Zeit alleine zu verbringen, denn zu Hause wartet schon lange niemand mehr auf ihn: „Meine Frau war Schauspielerin, immer hat sie rumgeheult, weil sie bessere Rollen wollte. Ich sagte mal im Zorn zu ihr: ,Dann geh doch mit dem Intendanten ins Bett, wenn es dir hilft, macht mir nichts aus!‘ Aber das hat es dann doch.“

Heute gibt es für Lutz nur noch Fußball, wobei ihn vor allem die Erinnerung an die Nachspielzeit im Champions-League-Finale 1999 bis heute quält, als Manchester United noch das Siegtor gegen seinen geliebten FC Bayern München erzielte.

Katja hingegen will nach Feierabend nur etwas von der teuren Schminke stibitzen, wobei ihr eine Spinne in die Quere kommt, die Lutz zur Strecke bringt. Aus dieser Situation entsteht ein Gespräch, eine Reise durch zwei Leben und mit der Kraft der Phantasie aus eben diesen Leben hinaus, denn beide träumen sich schon lange fort – mal in geschönte Kindheitserinnerungen, mal in eine ganz andere Wirklichkeit.

Dabei halten Katja und Lutz mit Kritik an der Theaterwelt nicht zurück, vor allem die quer eingestiegene Maskenbildnerin fühlt sich oft missverstanden und glaubt, ihre Kolleginnen würden ihr Affairen für den beruflichen Erfolg unterstellen. „Tja, hinten rum beschweren sich viele, aber vor dem Chef halten sie dann das Maul, denn der Regisseur ist König und der Intendant, der ist Gott“, schreit sie ihren Zorn hinaus.

Für Zuschauer, die auf der Bühne sitzend den beiden Schauspielern auf den Rängen zusehen, ist diese „Nachspielzeit“ ein eindringliches Erlebnis.

von Marcus Hergenhan

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Hier finden sie die Kommentare und Meinungen der Redakteure zu lokalen und weltpolitischen Themen sowie Glossen und augenzwinkernde Beträge. mehr