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Der Provokateur und seine Generation

OP-Buchtipp: Maxim Billers: „Biografie“ Der Provokateur und seine Generation

Sex und Holocaust – 
in Maxim Billers neuem 
Roman gehen beide 
eine seltsame Allianz ein.

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In seiner „Biografie“ zeichnet der Schriftsteller Maxim Biller ein Porträt der Nach-Holocaust-Generation.

Quelle: Karlheinz Schindler, Kiepenheuer & Witsch

Maxim Biller (55) liebt die Provokation. Er ist vor allem als beißender Kolumnist, streitbarer Geist und Verfasser von Kurzgeschichten hervorgetreten.

In der Neuauflage des „Literarischen Quartetts“ spielt er seit neuestem den Agent Provocateur in der Nachfolge des legendären Reich-Ranicki. Als Romanautor war Biller dagegen weit weniger erfolgreich: Vor Jahren machte er mit einer Skandalgeschichte von sich reden.

Sein Roman „Esra“ musste vom Markt genommen werden, nachdem sich darin eine frühere Lebensgefährtin und deren Mutter verunglimpft sahen. Es folgte ein langwieriger Prozess. Danach veröffentlichte Biller kleinere Werke.

Und jetzt also dieser Wälzer: 900 Seiten stark mit dem etwas irreführenden Titel „Biografie“. Denn obwohl es durchaus einige Anklänge an Billers eigene Lebensgeschichte gibt, ist es doch eher ein voluminöses Generationenporträt geworden, nämlich das der traumatisierten Nach-Holocaust-Generation, der auch der Autor angehört. Aber Biller packt noch mehr mit hinein.

Zynischer Ich-Erzähler und stotternder Millionärssohn

Der Roman enthält zahlreiche Rückgriffe auf die Nazi-Zeit und die Shoah, auf die untergegangene Welt der jüdischen Schtetls in Galizien. Dazu kommen Verweise auf jüdische Autoren, auf Filme und Filmemacher und, und, und. Am Ende ist es ein überbordendes barockes Panorama, das formal und sprachlich jedes Maß und jeden Rahmen sprengt.

Im Mittelpunkt stehen zwei durchgeknallte jüdische Freunde: Der zynische Ich-Erzähler Soli Karubiner und der stotternde Millionärssohn Noah Forlani. Soli ist Autor der halbwegs erfolgreichen Bücher „Post aus dem Holocaust“ und „Ihr wollt nur unsere goldenen Eier“. Wie Biller selbst ist er in Prag geboren und als Kind nach Deutschland gekommen. Die Karubiners wie die Forlanis stammen aus einem vergessenen Provinznest Galiziens, das heute zur Ukraine gehört.

Die Väter der beiden Freunde – ein Spekulant und ein Kommunist – sind beide schuldig geworden und haben diese Schuld an ihre Kinder weitergegeben. Soli kompensiert seine Traumata mit einem ausschweifenden Sexualleben, das ungefähr auf jeder zweiten Seite des Romans exzessiv ausgebreitet wird – Sex als Erlösung. Solis erotische Aktionen gipfeln in einer Onaniergeschichte in einer Sauna. Als er dabei auf frischer Tat ertappt wird, versucht ihn der unbegabte Schriftsteller Clausi-Mausi auf fiese Art zu erpressen. Soli flieht nach Israel.

Spielerisch und witzig erzählt – manchmal

Freund Noah leidet derweil unter seinem nichtsnutzigen Dasein als reicher Erbe. Er kompensiert seine innere Leere, indem er Nazi-Videos dreht, in denen er als nackter Joseph Goebbels auftritt. Später reist er in den Sudan, um sich dort entführen zu lassen um Enthauptungsvideos zu drehen. So weit so krank. Um dieses Katastrophenduo herum hat Biller noch eine verwirrende Vielzahl anderer Personen gruppiert, die auch alle mehr oder weniger gestört und äußerlich abstoßend sind.

Sprachlich ist das Werk ambitioniert, es ist vollgestopft mit jiddischen Wortspielen und weiß das pornografische Vokabular in voller Breite auszuschöpfen – oder versucht es zumindest. Doch wen will Biller mit dieser Wortakrobatik eigentlich beeindrucken? Er möchte spielerisch und witzig sein, doch das ist er nur in wenigen Momenten.

Vor allem ist er bemüht und verkrampft. Doch am schlimmsten ist, dass er keine Form für seine Geschichte findet, sie wirkt wie ein übergequollener Hefeteig. Biller ist auf eine altmodische Art weitschweifig, geschwätzig und sehr ermüdend.

  • Maxim Biller: „Biografie“, Kiepenheuer & Witsch, 896 Seiten, 29,99 Euro.

von Sibylle Peine

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