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Der Poet im Rock- und Pop-Geschäft

Literaturnobelpreis für Bob Dylon Der Poet im Rock- und Pop-Geschäft

Sollte ein Songschreiber – selbst ein so berühmter wie Bob Dylan – für seine Texte einen Literaturnobelpreis erhalten können? Die Stockholmer Jury ehrt eine musikalische Jahrhundertgestalt.

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Quelle: Abir Sultan / epd

Stockholm. Der 75-jährige Dylan erhält den Nobelpreis für seine „poetischen Neuschöpfungen“ in der großen amerikanischen Songtradition, gab die Jury gestern bekannt. Manche rümpften die Nase und fragten, ob diese Songtexte nun hohe Literatur im eigentlichen Sinn seien. Konnte die 
Jury diesmal wirklich keinen „echten“ Schriftsteller finden, dessen literarische Leistungen höher zu bewerten sind als die des kauzigen alten Sängers mit der Krächzstimme?

Von solchen Skeptikern (und manchen enttäuschten Verlegern) abgesehen, erkennen viele Experten aber wohl an, dass der Autor von Folk-, Blues- und Rock-Lyrik wie „Like A Rolling Stone“ oder „Visions Of Johanna“ ein würdiger Preisträger ist. Den Pulitzer-Preis für „lyrische Kompositionen von außerordentlicher poetischer Kraft“ hatte er ja bereits.

Den Nobelpreis bekomme 
Dylan für den weltliterarischen Anspruch seiner Songs, sagte 
Heinrich Detering, Präsident der Akademie der deutschen Sprache und Dichtung und Dylan-Biograf, dem Deutschlandradio Kultur. „Eine schöne Entscheidung.“

Und Deutschrock-Poet Heinz Rudolf Kunze jubelte mit Blick auf frühere, eher unbekannte Gewinner: „Es war höchste Zeit, dass mal wieder jemand den Preis bekommt, der Millionen Menschen erreicht hat.“

Dylan lässt sich nicht 
beirren

Seinen Ruf als Revolutionär der Folk- und Rockmusik, aber auch als Literat unter den Songschreibern erwirbt sich Dylan Anfang der 60er Jahre, als er die Zeichen einer unruhigen Zeit richtig deutet. Noch unter seinem Geburtsnamen Robert Allen Zimmerman spielt der aus Duluth/Minnesota stammende Dylan zunächst in Highschool-Bands Rock’n’Roll. Er benennt sich alsbald um – vermutlich nach einem literarischen Idol, dem walisischen Dichter Dylan Thomas.

Sein Faible für die neue Folk-Bewegung entdeckt der aus einer jüdischen Familie stammende junge Mann 1959 in Minneapolis. Dann treibt ihn der „Strom der Veränderung“ in den New Yorker Szene-Stadtteil Greenwich Village. Der Erfolg stellt sich mit dem Song „Blowin’ In The Wind“ (1963) ein. Wütende Lieder wie „Masters Of War“ qualifizieren Dylan für die weltweite Jugend- und Protestbewegung. Doch weder die Rolle eines Folk-Idols mag Dylan auf Dauer annehmen noch die der politischen Symbolfigur. Also mutiert er zum zweiten Mal – diesmal zum Rockmusiker mit elektrischer Gitarre. Für seinen „Verrat“ am akustischen Folk wird er als „Judas“ beschimpft.

Aber Dylan lässt sich nicht 
beirren, komponiert und textet Mitte, Ende der 60er Klassiker in Serie, weltkluge Songs wie „Like 
A Rolling Stone“, den das (danach benannte) Fachblatt „Rolling Stone“ später zum besten Lied aller Zeiten kürt. Seine mit Metaphern, Symbolen und Anspielungen durchsetzten Lyrics sind von beispielloser Qualität.

Tiefpunkt in den 70er Jahren

Nach einem Motorradunfall im Sommer 1966 zieht sich Dylan aus der Öffentlichkeit zurück, lebt mit seiner Ehefrau 
Sara Lowndes und den gemeinsamen Kindern in der Nähe von Woodstock bei New York. Als dort 1969 das wichtigste Festival des Jahrzehnts über die Bühne geht, ist ausgerechnet der neben den Beatles und den Rolling Stones wichtigste Rock- und Pop-Pionier nicht dabei.

Die 70er Jahre sind eine schwierige Zeit für Dylan: die Trennung von Sara Lowndes, künstlerische Stagnation. Auf der Habenseite steht der Beginn der „Never Ending Tour“, einer bis heute andauernden Konzertreise rund um den Erdball mit 100 Auftritten pro Jahr.

Dylans künstlerische Rehabilitierung kommt 1997 mit dem ersten großen Alterswerk „Time 
Out Of Mind“ – einer Platte 
voller düsterer, anspruchsvoller Texte, die zu seinen besten zählen. Seitdem hat er einen Lauf, setzt alle paar Jahre Ausrufezeichen wie das erneut von literarischen, geschichtlichen und biblischen Anspielungen wimmelnde „Tempest“ (2012).

Die Auszeichnungen sind kaum noch zu zählen: neben den Literaturpreisen elf Grammys, ein Song-Oscar, die von Barack Obama höchstpersönlich verliehene „Presidential 
Medal of Freedom“. Der US-Historiker Sean Wilentz sagte der Deutschen Presse-Agentur: „Er ist ein großartiges amerikanisches Kulturgut.“ Allemal Grund genug, den Dichter Dylan mit den höchsten Weihen zu ehren – auch wenn Literaturkritiker Denis Scheck von einem „Späßken“ spricht.

von Werner Herpell

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