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Der Nazarener und die Blumenkinder

„Jesus Christ Superstar“ in der Waggonhalle Der Nazarener und die Blumenkinder

Mitten ins Marburger Sommerloch setzt die Waggonhalle die Premiere ihrer 27. Eigenproduktion – und bietet mit der Rockoper „Jesus Christ ­Superstar“ allen Daheimgebliebenen ein großartiges Stück Musiktheater.

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Mitreißende Choreografie, klasse Stimmen: „Jesus Christ Superstar“ rockt.

Quelle: Michael Hofstetter

Marburg. Andrew Lloyd Webber komponierte das Musical, das 1971 erstmals aufgeführt wurde, und zwar weit entfernt von der Süßlichkeit mancher seiner späteren Erfolge.

Nachdem es ursprünglich für einen Skandal sorgte, ist es heute ein Klassiker, die Liedtexte stammen von Tim Rice. Neben musicaltypischen Balladen bietet „Jesus Christ Superstar“ hochkarätige, absolut mitreißende Rockmusik im Stil der Siebziger.

Und das Ensemble, das sich selbst als „semiprofessionell“ bezeichnet, brachte diese Musik bei der ausverkauften Premiere hochprofessionell auf die Bühne: Mit einer druckvollen Liveband, in einer stimmigen Inszenierung, und mit Darstellern, die mit einer Riesenportion Herzblut und großem Können agierten.

Gesungen wird durchgängig auf Englisch, gesprochenen Text gibt es nicht. Die Handlung dürfte jedoch als bekannt vorausgesetzt werden, zudem werden die einzelnen Szenen im Programmheft kurz erläutert. Jesus von Nazareth ist in dieser Erzählung der letzten sieben Tage im Leben Jesu eine sehr menschliche Figur, und die Inszenierung macht ihn noch menschlicher.

Andrew Llyod Webbers Rockoper "Jesus Christ Superstar" wird derzeit vom Ensemble der Marburger Waggonhalle aufgeführt. Es ist die bislang aufwendigste Amateurproduktion der Waggonhalle mit 25 Aufführungen, einer zwölfköpfigen Liveband und 21 darstellenden Künstlern aus sechs Nationen.

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Regisseurin Katrin Rouwen siedelt die Handlung in einer Gegenwart mit Reminiszenzen an die Siebzigerjahre an, in der Jesus von seinen Anhängern als cooler Heilsbringer verehrt und gefeiert wird – Selfies mit dem Erlöser und schicke Jesus-T-Shirts inklusive.

Der Blick durch Judas‘ Augen bekommt so eine gewisse Zwangsläufigkeit, denn Judas sieht Jesus in Gefahr, der Oberflächlichkeit zu erliegen. Er fühlt sich nicht wertgeschätzt, ist eifersüchtig auf Maria Magdalena (Svenja Göbel, Foto: Hoffsteter) und verrät Jesus (Lukas Nadjiri) aus Wut und im Bedürfnis, ihn und die Jünger vor dem Zerstörungswillen der Priester zu schützen – mit den bekannten Folgen.

All das ist packend und pointiert inszeniert, die zwei Stunden fliegen nur so vorüber. Das Bühnenbild ist schlicht und lässt Raum für das umfangreiche Ensemble, die effektvolle Lichtregie tut ein übriges, das Bühnengeschehen abwechslungsreich zu gestalten. Und natürlich die Darsteller.

Lukas Nadjiri ist ein zarter, fast verhaltener Jesus mit heller Stimme, der in seinen aufbegehrenden und verzweifelten Momenten das ganz große Gefühl transportieren kann. Yannick Bernsdorff als Judas hat eine Rockröhre mit viel Druck dahinter. Alle Akteure haben bereits Erfahrung auf der Bühne, und das hört man auch. Bei dem einen oder anderen merkt man zwar, dass er keine ausgebildete Stimme hat, schräge Töne gibt es aber keine.

Beklemmender
 Moment der Kreuzigung

Alles sitzt, ebenso wie die mitreißende Choreografie, bei der aber auch wirklich jeder Tanzschritt perfekt ist. Auch das schauspielerische Talent vieler Mitwirkender ist groß, neben den Hauptdarstellern ist Patrick Pohl als Pontius Pilatus und Hannas herauszuheben. Bühnenpräsenz haben wirklich alle.

Alles wird zusammengehalten von den hervorragenden Musikern um den musikalischen Leiter Tom Feldrappe, der Initiator dieser für die Waggonhalle bislang aufwendigsten Eigenproduktion ist.

Großartige Momente gibt es viele: So wird die Szene, in der Jesus im inneren Zwiegespräch mit Gott ist, von Nadjiri so eindrucksvoll gestaltet, dass er tosenden Zwischenapplaus erntet. Beklemmend ist die Szene, in der die sehr heutig wirkende Menge die Kreuzigung Jesus‘ fordert und sich an seiner Auspeitschung ergötzt. Und in dem Moment, als Jesus tatsächlich am Kreuz hoch über der Bühne hängt, wird es ganz still.

Auf der anderen Seite gibt es mitreißende Massenszenen mit den Hippie-Jüngern des Messias, die mit Friedenstauben und Anti-Atomkraftplakaten über die Bühne tanzen. Oder die zynische Show, in der ein scheinbar wiederauferstandener Judas als Entertainer mit Engelschor auftritt.

Herausragende Unterhaltung auf hohem Niveau, für alle Altersgruppen und (beinahe) jeden Musikgeschmack geeignet, bei der Premiere frenetisch mit stehenden Ovationen bejubelt.

  • Weitere Aufführungen gibt es diesen Freitag und Samstag ab 20 Uhr, am Sonntag ab 16 Uhr. Erneut zu sehen ist das Musical vom 11. bis 13. August ab 20 Uhr, am 14 August ab 18 Uhr, vom 18. bis 20. August ab 20 Uhr, am 21. August ab 18 Uhr sowie am 24., 25. und 26. August ab 20 Uhr. Karten gibt es bei www.adticket.de und unter 06421/690626.

von Heike Döhn

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