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Der Mann, der das KZ-Grauen zeigte

OP-Buchtipp Der Mann, der das KZ-Grauen zeigte

Seine Bilder gingen um die Welt. Eigentlich sollte Brasse, der Opfer und Täter im KZ fotografieren musste, 1945 alle Aufnahmen vernichten. Doch er widersetzte sich, um Zeugnis abzulegen von den Verbrechen.

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Reiner Engelmann hat die Biografie von Wilhelm Brasse in einem Jugendbuch veröffentlicht.

Quelle: CBJ-Verlag

Jeder hat sie schon mal gesehen: Fotos von Gefangenen im KZ Auschwitz oder vom Eingangstor mit der Aufschrift „Arbeit macht frei“. Kaum einer kennt aber den Fotografen: Wilhelm Brasse. Der Autor Reiner Engelmann, der als Organisator von Studienfahrten in die Gedenkstätte Auschwitz den Zeitzeugen Wilhelm Brasse kennenlernte, hat ein Jugendbuch über das Leben des KZ-Fotografen veröffentlicht.

Die Thematik ist schwer, auch wenn Engelmann leicht verständlich schreibt. Es wird beschrieben, wie Männer umgebracht wurden, erwähnt – da ist eine detaillierte Beschreibung gar nicht nötig – dass Frauen unter Qualen sterilisiert wurden. Das Buch mit kurzen Kapiteln und wenigen Bildern eignet sich auf jeden Fall auch für Erwachsene, die ihr Wissen über das Grauen in den Konzentrationslagern erweitern wollen.

Auch wer meint, schon so viel über die düstere NS-Zeit zu wissen, wird sich wundern, aufzucken oder sprachlos sein. Wie ein roter Faden durchzieht sich das Wort Hunger in dem Buch. Als 22-Jähriger wurde Wilhelm Brasse im August 1940, weil er polnischer Jude war, nach Auschwitz deportiert – unter unmenschlichen Bedingungen. Wie andere Häftlinge auch wurde er in Arbeitskommandos eingeteilt.

So war er einer der Gefangenen, die zum Beispiel die Straße vom Bahnhof zum Krematorium bauen mussten. Weil er gelernter Fotograf war, landete er schließlich bei der politischen Abteilung im KZ. Fortan musste er Porträtfotos von den Häftlingen machen. Die neue Zwangsaufgabe bedeutete für Brasse Verbesserungen: Er musste nicht mehr auf dem Boden schlafen, hatte ein Bett.

Die Werkzeuge des Todes im Bild

Die Handvoll Fotografen in Auschwitz durften auch Toiletten benutzen und sich waschen – eine Ausnahme im Horror-KZ. Rückblickend berichtet Brasse dem Autor Engelmann, dass er etwa 70 000 Porträts gemacht hatte, gezählt hat er sie nie. Zu einigen Personen, die Brasse erkennungsdienstlich fotografierte, schreibt Engelmann ein kurzes Porträt. Zum Beispiel über den skrupellosen Arzt Dr. Carl Clauberg, dem Brasse, „ganz der Berufsfotograf“, für die Aufnahme ein „leichtes Schmunzeln abringen konnte“.

Es wird deutlich, dass diese Männer nicht nur Mörder, sondern auch Familienväter oder schlicht Menschen waren, die auch „menschliche“ Seiten hatten. Brasse hat aber auch die Todeswerkzeuge fotografiert: Spritzen, Dosen von Zyklon B und vieles mehr. Die Amerikaner befreiten ihn und retteten ihm das Leben – er war in der Befreiungsnacht todkrank und ausgemergelt. Er konnte in seiner Heimat wieder als gefragter Fotograf arbeiten, aber die Erinnerungen an Auschwitz kamen zurück – er wechselte schließlich den Beruf.

Engelmann stellt am Ende des Buches eine Auswahl von Kurzbiografien von SS-Männern vor. Mit diesen Nazis hatte Brasse zu tun, auch sie musste er zum Teil – als Ärzte oder brave Familienväter – fotografieren. Hilf- und lehrreich ist das gut ausgewählte Glossar.

  • Reiner Engelmann: „Der Fotograf von Auschwitz. Das Leben des Wilhelm Brasse“, CBJ-Verlag, 190 Seiten,14,99 Euro.

von Anna Ntemiris

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