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„Der Intellekt hat viele Gesichter“

Reiner Kröhnert im KFZ „Der Intellekt hat viele Gesichter“

Wer ist er und wenn ja, wie viele? Mehr als 20. In zwei Stunden. Bei Kabarettist Reiner Kröhnert gehört eine multiple ­Persönlichkeit zur Stellenbeschreibung.

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Drei von vielen Gesichtern des Parodisten Reiner Kröhnert: Er hat alle drauf – von „Mutti“ Angela Merkel über Wolfgang Schäuble bis Franz Beckenbauer.Fotos: Nadja Schwarzwäller

Marburg. Es ist sein zehntes Solo-Programm. Mit einem im Wortsinn sprechenden Namen. „Mutti reloaded“ wirbt natürlich mit der Mutter der Nation, Angela Merkel. Oder wie Reiner Kröhnert sie als Helmut Kohl nennt: „hinterfotzige Machtmatrone“. Darüber hinaus bringt der Kabarettist seinem Publikum aber noch jede Menge andere Politiker und Prominente mit. Dieter Bohlen etwa - im Gespräch mit Michel Friedman und Rüdiger Safranski. „Hören Sie sich eigentlich selbst zu?“ Das ist großes Parodistenkino.

„Mutti“ sei an Situationen angepasst, die noch nicht stattgefunden haben. Wenn sie eine Wand auf sich zukommen sehe, wendet sie. „Schließlich bin ich Naturwissenschaftlerin.“ Und ihr Understatement habe selbstverständlich Methode. Sich in der Öffentlichkeit so einfach wie möglich zu geben, verhindere, dass das Wahlvolk verstört werden könnte. Ihre geistige Überlegenheit zu demonstrieren, würde in den Oberstübchen der anderen Kabelbrand auslösen. Und überhaupt: „Kein Asyl für Edward Snowden!“

Kaum ist Reiner Kröhnert mit blondierter Perücke als „Mutti“ auf der Bühne, geht es rund auf dem Politiker- und Prominentenkarussell. Ronald Pofalla gibt sich Phantasien über die „Gestade der Kanzlerinnenrosette“ hin, Joachim Gauck konstatiert, dass er überhaupt nicht eitel sei, obwohl er allen Grund dazu hätte und Daniel Cohn-Bendit erläutert, dass Putin nicht nur Europa überfallen will, sondern auch Johannes Heesters auf dem Gewissen hat.

Egal, ob es der Akzent von Wolfgang „Drachmentöter“ Schäuble ist oder der Sprachduktus von Boris Becker - Reiner Kröhnert braucht keine Maske und kein Kostüm, um meist punktgenau in die Rollen seiner Figuren zu schlüpfen. Nur als „Mutti“ trägt Kröhnert eine Perücke. Nahtlos ist der Übergang von einem Gespräch zwischen Norbert Blüm und Rita Süßmuth zur nächsten Diskussionsrunde von „Der Intellekt hat viele Gesichter“, in der „Kaiser“ Franz Beckenbauer ebenso sitzt wie Daniela Katzenberger. Perfekt ist auch die Intonation von Klaus Kinski, wenn er Werner Herzog erklärt, ach was, tot, der Tod sei viel zu klein für ihn.

Quasi nebenbei wird in den Auftritten die Lage der Nation seziert. Oder „um es mal tautologisch zu simplifizieren“, wie sich Rüdiger Safranski anschickt: Es gibt auf die Mütze für jeden, dessen Stimme sich Reiner Kröhnert einverleibt. Für Erich Honecker, der erklärt, in der DDR habe man niemals „auf Flüchtlinge geschossen, die zu uns rein wollten“. Oder für Gerhard Schröder, der zur Verfügung stünde, um die „alte Schindmähre“ SPD wieder auf Kurs zu kriegen. Nachdem er Gysi zum Vize gemacht und dem Oskar die Sahra ausgespannt hat. Es brauche halt ein Pfund in der Hose und keinen Taschenrechner im Schritt.

„Du darfst auch nicht die Würschtl fragen, wie man a Suppn kocht“, bestätigt Franz Beckenbauer. Merke: „Den Furz im Gehirn schmeckst Du als erstes auf der Zunge.“ Natürlich darf Reiner Kröhnert auch bei gut 100 Zuschauern im KFZ nicht ohne Zugabe von der Bühne. „Mutti“ telefoniert mit Erdogan. Und Kröhnert präsentiert kurz seine eigene Stimme. Der 58-Jährige verspürte schon Ende der 1970er-Jahre den „Drang zur Kabarettbühne“ und ist seit 1987 mit Solo-Programmen unterwegs durch die Republik.

von Nadja Schwarzwäller

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