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Der Herr der Spiele hat Geburtstag

Dr. Bernward Thole wird 80 Der Herr der Spiele hat Geburtstag

Er hört es nicht gerne, aber viele Jahre war der Marburger Dr. Bernward Thole Deutschlands ­Spiele-Papst. Noch immer hat er tausende Spiele um sich. Am Mittwoch, 2. November, wird er 80 Jahre alt.

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Dr. Bernward Thole hockt in der Spielebrücke an seinem Schreibtisch – umgeben von Büchern und mehr als 10.000 Spielen. Diesen Mittwoch wird er 80 Jahre alt.

Quelle: Uwe Badouin

Marburg. Dr. Bernward Thole trifft man am ehesten in der Spielebrücke in der Ketzerbach 21 1/2. Dort residiert sein neuer Verein seit er sein „Kind“, das Deutsche Spielearchiv, nach Nürnberg transferierte, weil sich in Marburg niemand so richtig bemüßigt fühlte, dieses in Jahrezehnten aufgebaute, in seiner Form einzigartige und extrem wertvolle Archiv, in der Universitätsstadt zu halten. Dabei hatte Thole viele Pläne: Ein Haus der Spiele nach dem Vorbild des Gießener Mathematikums etwa.

Seit 2010 hat sich das erledigt. Gut 30.000 Spiele und 18.000 ­Bücher wurden in drei Möbelwagen mit Anhängern verpackt und nach Nürnberg gefahren. Dort wollte man das Archiv unbedingt - im Gegensatz zu Marburg.

Doch Thole ohne Spiele? Undenkbar. Er gründete den Verein Spielebrücke und zog zurück in die Ketzerbach, in das alte Depot des Spielearchivs. Dort hockt er nun, 80 Jahre alt, und plaudert an seinem Schreibtisch gut gelaunt über sein Leben. Umgeben von „10.000 Spielen, es können aber auch 12.000 sein, ich hab anderes zu tun, als sie zu zählen“, sagt er.

Thole: Spiele sind ein zentrales Kulturgut

Mit „anderes“ meint er die Spieleberatung für Familien, für Institutionen wie Schulen, Jugendeinrichtungen oder Kindergärten, und natürlich für Spielbegeisterte. Wer wissen will, welches Spiel Kinder begeistern, welches Spiel Kinder von der Glotze fernhalten, welches Spiel Familien zusammenbringen könnte, der fragt am besten ihn, den Herrn der Spiele. Er kennt sie (fast) alle und freut sich noch heute über Entdeckungen auf Flohmärkten oder Basaren, als hätte er eine Goldader entdeckt.

Spiele sind für ihn eines der zentralen Kulturgüter der Menschheit, „älter als jedes Buch, älter als jedes Theaterstück“. 30 bis 50 Menschen kommen regelmäßig zu den Spieleabenden, die alle 14 Tage in der Ketzerbach stattfinden. Material ist genug da: In langen Regalreihen stehen Spiele aller Art, die großen Schätze bewahrt er in Vitrinen hinter Glas auf.

Dr. Bernward Thole wurde am 2. November 1936 in Fulda geboren. Nach dem Abitur 1958 studierte er in Marburg Deutsch und Latein - „aus Trotz“, wie er sagt, schließlich war er wegen Latein einmal sitzengeblieben. Die wilden Zeiten Ende der 60er-Jahre, als Studenten den Muff von 1000 Jahren aus den Talaren fegten, habe er „voll genossen“. Er promovierte 1971 schließlich in Theaterwissenschaften, wollte eigentliche Theaterkritiker werden. Das Institut wurde ihm schließlich „unter dem Hintern dichtgemacht“, die alten Ordinarien wurden aufgelöst und Thole fand sich mittendrin im Neuaufbau der Institute.

Bald fand er eine neue Aufgabe an der Philipps-Universität. Er baute die Medienwissenschaften mit auf, war bald zuständig für die Mediathek. Es war genau das Richtige für einen Sammler wie ihn. Als er die Uni verließ, hatte die Einrichtung 18.000 Spielfilme. Gleichzeitig hatte er, inzwischen akademischer Rat und später akademischer Oberrat, die Studienberatung.

2013 war ein schweres Jahr

Unterdessen hatte er begonnen, für die „Zeit“ und die „Frankfurter Rundschau“ und später für die OP Spielekolumnen zu verfassen. Eigentlich waren sie als Übung für sein Ziel gedacht, Theaterkritiker zu werden, „doch dann waren sie so erfolgreich, dass ich dabei geblieben bin“. 30 Jahre schrieb er für die Frankfurter Rundschau, 24 Jahre für die OP - bald wollten alle seine Kolumnen.

1979 etablierte er den renommierten Kritikerpreis „Spiel des Jahres“ und 1983 gründete er, „in einem Anfall geistiger Umnachtung, das Deutsche Spielearchiv als Kompetenzzentrum“. Von nun an war er Deutschlands Spiele-Papst. Später gab es heftige Querelen mit anderen „Spiel des Jahres“-Kritikern, es ging vor allem um Geld für das stetig wachsende Archiv.

Als 1985 seine Frau an einer besonders bösartigen Variante der Multiplen Sklerose erkrankte, schränkte dies seinen Tatendrang erheblich ein. 2013 war ein schweres Jahr für Dr. Thole: Seine Frau, seine Schwester und sein Bruder starben. Schwester und Bruder waren Sammler wie er: Rund 45.000 Bücher und jede Menge Gegenstände aller Art musste er ausräumen und einlagern - „ein Albtraum“, sagte Thole.

Seinen Geburtstag feiert er im kleinen Kreis mit seinem Sohn und seinen beiden Töchtern und vier Enkelkindern. Sein Lebenswerk wird mit einer Festschrift gewürdigt, die im kommenden Jahr bei der Spielemesse in Nürnberg im Rahmen eines Symposiums vorgestellt werden soll. Auch die OP gratuliert ihrem langjährigen Spiele-Autoren von ganzem Herzen.

von Uwe Badouin

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