Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / 1 ° wolkig

Navigation:
Der Finanzmarkt braucht mehr Moral

Neue Wirtschaftsbücher Der Finanzmarkt braucht mehr Moral

Arm und Reich driften immer weiter auseinander. Die Wirtschaftselite und die Unterschicht haben aber eins gemeinsam: Sie bestreiten ihren Lebensunterhalt nicht durch eigene Leistung. Vier aktuelle Bücher befassen sich mit den Herausforderungen des Kapitalismus.

Voriger Artikel
Eine BRD, die es so nicht mehr gibt
Nächster Artikel
Der neue Pettersson und alte Kinderreime

Ein Banker steht in der Frankfurter Börse vor der Dax-Kurve. Die Finanzwelt wird zunehmend unmoralischer, erklären vier Autoren in aktuellen Sachbüchern. Sie untermauern ihre Thesen durch eindrucksvolle Beschreibungen und Beispiele. Obwohl alle vier unte

Quelle: Frank Rumpenhorst

Marburg. Die Wirtschaftselite schottet sich ab. Das stellt Walter Wüllenweber fest und bedauert es irgendwie auch. Zu gern hätte der Journalist und Autor mehr Einblick in die Welt der Superreichen, um seine Thesen noch mehr durch Beweise untermauern zu können. Aber die Superreichen, die die noch mehr haben, als die normalen Millionären, gewähren auch ihm keine Innenansichten. Und so bleibt Wüllenweber in seinem Buch „Die Asozialen” der Verweis auf Statistiken, Sekundärliteratur und Sozialanalysen.

Ober- und Unterschicht haben Geld ohne Leistung

Eine seiner Thesen ist provokant und doch so einleuchtet: Ober- und Unterschicht haben etwas gemeinsam: Sie leben vom Geld, für das sie nichts geleistet haben: Die Elite profitiert von ihren Kapitalgeschäften und die Hartz-IV-Empfänger beziehen Leistungen vom Sozialstaat. Diese These teilt auch Hans Jürgen Krysmanski. In seinem Buch „0,1%. Das Imperium der Milliardäre”. Der Unterschied: Wüllenwebers Buch lässt sich leichter lesen. Kein Wunder: Wüllenweber ist Journalist und Autor beim „Stern“, Krysmanski Soziologe.

Ebenfalls in die Reihe der systemkritischen Werke passt Michael J. Sandels „Was man für Geld nicht kaufen kann”. Mehr Moral, mehr Menschlichkeit, fordert er von Politik und Gesellschaft. Der Philosoph Sandel appelliert an das Gewissen. Er zeigt dabei Beispiele auf, die längst bekannt sind - Reiche, die sich Arzttermine oder Ehrentitel kaufen - aber beschreibt auch schier unglaubliche Fälle, die Gänsehaut hervorrufen: Zum Beispiel berichtet er über Firmen, die Profit aus dem Tod ihrer Angestellten schlagen, weil sie Lebensversicherungen für sie abschließen. Eine weitere Empfehlung für Leser, die sich für gesellschaftliche Themen interessieren - und da sind ökonomischen Fragestellungen derzeit unerlässlich: Die Perspektive eines Wissenschaftlers, der weder journalistisch noch soziologisch schreibt: Der 36-jährige Wirtschaftsprofessor und Chefsvolkswirt der tschechischen Handelsbank AG Tomás Sedlácek bezieht aus christlicher Sicht Stellung zum Kapitalismus. Für sein Buch „Die Ökonomie von Gut und Böse“ hat der Wirtschaftsexperte den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis 2012 erhalten. Auch Sedlácek ist der Ansicht, dass die Wirtschaft mehr Normen, mehr Moral benötigt.

Er geht aber über diese Forderung hinaus und empfiehlt zum Beispiel einen Schuldenerlass für Griechenland. Ansonsten hätte das Land keine Chance zu überleben. Nach dem biblischen Vorbild der Vergebung haben auch die USA und Deutschland ihren Banken geholfen, warum sollten nicht auch arme Länder Barmherzigkeit erfahren, erklärt er. Der Autor warnt vor übermäßigem Konsum, davor, dass der Kapitalismus die Gesellschaft und die einzelnen Menschen beherrscht. Wirtschaft benötigt Spiritualität, wenn sie blühen soll, sagt Sedlacek.

Walter Wüllenweber: „Die Asozialen“, Deutsche Verlags-Anstalt, 255 Seiten, 19,99 Euro.

Hans Jürgen Krysmanski: „0,1%. Das Imperium der Milliardäre“, 286 Seiten, 19.99 Euro.

Michael J. Sandel: „Was man für Geld nicht kaufen kann“, Ullstein, 299 Seiten, 19,99 Euro.

Tomas Sedlácek: „Die Ökonomie von Gut und Böse“, Hanser Verlag, 448 Seiten, 24,90 Euro.

von Anna Ntemiris

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur

Hier finden sie die Kommentare und Meinungen der Redakteure zu lokalen und weltpolitischen Themen sowie Glossen und augenzwinkernde Beträge. mehr