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Der Dichter ist tot, es lebe der Dichter

Poetry Slam "Dead or Alive" Der Dichter ist tot, es lebe der Dichter

Man stelle sich vor, es heißt: toter Dichter gegen lebende Poeten - und der tote Dichter gewinnt. 250 begeisterte Zuschauer waren Zeugen beim Poetry Slam „Dead or Alive“ zu Ehren von Georg Büchner.

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Dicht an dicht saßen das Publikum vor der und die Dichter und Schauspieler auf der Bühne des KFZ – dazwischen Moderator Lars Ruppel.Foto: Nadja Schwarzwäller

Marburg. Dantons Tod. Lenz. Leonce und Lena. Woyzeck. Vier Werke von Georg Büchner, denen noch heute - zweihundert Jahre nach der Geburt des Autors - wohl jeder Gymnasiast einmal im Deutsch-Unterricht begegnen dürfte. Im KFZ fand am Donnerstagabend eine Begegnung der besonderen Art - ein „Wettkampf zwischen zwei poetischen Welten“ - statt: Ein Schauspieler hatte sich mit dem Text jeweils eines Stückes beschäftigt und seiner Performance wurde dann der Auftritt eines Poetry Slammers gegenübergestellt. Ein Team für den toten Dichter trat also gegen lebende Poeten an. Klassische gegen moderne Dichtkunst. „Dead or Alive“ - das war hier die Frage.

Jedem „Duell“ war eine kurze Zusammenfassung des betreffenden Stücks von Moderator Lars Ruppel vorangegangen - maximal eine Minute lang, ohne Verb und ohne Adjektiv. Im Fall von „Lenz“ reichte die Nennung des Namens und eine Geste, die unzweideutig „durchgeknallt“ signalisierte. Fünf Zuschauer wurden zu Jury-Mitgliedern und nachdem die ersten bei der Frage nach ihrer Kompetenz eigene Erfahrungen mit Poetry Slam oder Theater vorweisen konnten, erkundigte sich Lars Ruppel, ob denn nicht vielleicht jemand RTL II gucke. Oder ein Abitur unter 3,5 habe. Und dass sich der DJ des Abends, Rayl Patzak, etwas „eingezwängt“ auf der Bühne wiederfand, kommentierte Ruppel mit: „eine Metapher für die GEMA“.

Tibor Locher vom Staatstheater Mainz eröffnete den Abend mit „Dantons Tod“. Er verlor knapp gegen Slammer Florian Cieslik aus Köln, der mit die „Richter und Henker der Dichter und Denker“ mehr überzeugte. Peter Meyer, früher in Marburg am Hessischen Landestheater engagiert, erhielt als „Lenz“ mit Schnuller-Wasserpistole die erste 10 des Abends und gewann in der Wertung gegen Slammerin Franziska Holzheimer aus Hamburg. „Team Dead“ lag damit zur Pause mit zwei Punkten vorn und DJ Rayl Patzak sorgte für die nächste Begegnung zweier Welten: Er mischte Zitate von Georg Büchner mit elektronischen Beats.

Schauspielerin Friederike Becht vom Schauspielhaus Bochum und Dalibor Markovic - Slammer und Beatboxer - aus Frankfurt konnten für ihre Interpretationen von „Leonce und Lena“ gleich viele Punkte verbuchen. Merke: „Es passiert nie das, was man erwartet“, so Lars Ruppel. Weder als Slam, noch als Wertung - Sonderpunkte namens „Muddis Pudding“ oder „Gallenstein“ inklusive. Rainer Kühn vom Staatstheater Wiesbaden war in der Auseinandersetzung mit „Woyzeck“ schließlich Sieger gegen den „local hero“ Marvin Ruppert, der seine Liebesgeschichte mit Marie als „Fragmente in umgekehrter Reihenfolge“ vortrug. Für Kühn, den Sieger des Abends, gab es einen Pokal: Erbsen auf Marmor. Die Teamwertung: dead schlägt alive. Und das Publikum: hingerissen.

Von der Stimmung hatte sich auch Ernst Wegener anstecken lassen, der das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst bei der Veranstaltung vertrat. „Das Pils war schon mal prima“, scherzte er bei der Begrüßung auf der Bühne. Auch Marburgs Stadträtin Dr. Kerstin Weinbach und Kulturamtsleiter Dr. Richard Laufner sowie das Team des KFZ, das den Slam gemeinsam mit dem „Forum Wissenschaft + Kunst“ des Ministeriums veranstaltete, waren begeistert. „Angestaubten“ Stücken, die im Unterricht wohl bei den wenigsten Schülern wirklich beliebt waren und sind, ganz neues Leben einzuhauchen und ein überwiegend junges Publikum für sie einzunehmen - das muss man erst einmal hinbekommen. Der Dichter ist tot, es lebe der Dichter.

von Nadja Schwarzwäller

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