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Depression als Lebenszweck

Kabarett Depression als Lebenszweck

Vier Millionen Depressive gibt es in Deutschland. Und einen Mann, der es sich zum Ziel gesetzt hat, diese Zahl zu verdoppeln: Nico Semsrott, Poetry Slammer und Kabarettist.

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Mann in Schwarz: Nico Semsrott ist der Großmeister von Depression und Demotivation.

Quelle: Nadja Schwarzwäller

Marburg. Wer angesichts des Titels „Freude ist nur ein Mangel an Information“ auf schwarzen Humor gehofft hatte, der wurde nicht enttäuscht. Ganz im Gegenteil. Was Nico Semsrott als „Stand-up-Tragedy“ präsentiert, ist rabenschwarz und daran lässt er vom Betreten der Bühne an keinen Zweifel.

Immer wieder zieht er sich die Kapuze seines Pullis wieder tiefer in die Stirn, Stimme und Stimmung sind gedrückt, der Mann ist demonstrativ depressiv und nach eigenem Bekunden Demotivationstrainer.

Aussichtslose Lage in der miesesten aller Welten

„Demotivieren, demoralisieren, depremieren“ - die Marschrichtung ist klar. „Chakka“ und gute Laune? Vielleicht auf einem anderen Planeten. An diesem Abend hält man sich im Teufelskreis aus Schmerzen und Scherzen auf, kündigt Semsrott an. Depressionen - das ist für ihn ein globaler Wachstumsmarkt und ein Thema, „an dem man sich ganz gut aufhängen kann“. Statistisch betrachtet müsste es ungefähr neun Depressive im Publikum geben, aber er hat sich vorher unter den 200 Besuchern im KFZ umgeschaut und tippt eher auf 180, sagt Nico Semsrott. Darf man über Depressionen denn überhaupt Witze machen? Die Antwort ist klar: „Nein. Man muss.“

Notorisch negativ findet er Entscheidungen blöd und Beziehungsstress nervig. Warum sich also nicht dem „Fluchtschlaf“ hingeben und nach der Zwangsehe sehnen? Faulsein spart Energie und dem kleinen Nico wurde schon in der Schule eine „außergewöhnliche Begabung fürs Nichtstun“ attestiert. Lebensmotto: „no fun, no fun“. Und am liebsten eine klassische „lose-lose-Situation“ vor sich. Natürlich verkauft der Mann am Ende der Show Unglücks-Kekse, die zum Beispiel verkünden, dass Selbstmord nicht gut ist für den Lebenslauf.

Ein Klemmbrett und ein Hintergrund, auf den seine vorbereiteten Power-Point-Präsentationen geworfen werden („putzig-positive“ wie auch „phasenweise pessimistische“) - mehr braucht es nicht, um dem Publikum scheinbar die Laune verderben zu wollen und es dabei bestens zu unterhalten. Unter der Kapuze und hinter dem Phlegma der Bühnenfigur steckt ein blitzgescheiter Kabarettistenkopf, der aktuelle politische Spitzen abschießt, kluge Fragen aufwirft und uns die Absurdität unserer Welt vor Augen hält.

Egal ob es um Alternativen zum Kapitalismus geht oder die Partnerwahl - aussichtslos ist die Lage ja sowieso. Menschen sind eigentlich Quallen und die besten Unternehmensberater sind depressive Unternehmensberater.

Als die erste Getränkeflasche im Publikum geräuschvoll zu Boden geht, beginnt Semsrott eine Strichliste - ein „Running Gag“ des Abends. Intern laufe ein Wettbewerb, welches das dümmste Publikum sei. Zürich läge mit 14 Strichen vorn. Marburg nähert sich im Lauf des Abends an. Bei „Facebook“ sei er übrigens jetzt auch. Unter dem Namen „keinem“. Nur damit er nach Betätigung des „like“-Buttons lesen kann: „Keinem gefällt das“. Den Gefallen, das zu behaupten, kann Marburg ihm leider nicht tun. Das Publikum applaudierte ausgiebig und bat Semsrott zur Zugabe.

von Nadja Schwarzwäller

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