Volltextsuche über das Angebot:

16 ° / 13 ° Gewitter

Navigation:
Dem Vergessen entreißen

Ausstellung zu Reinhard Schmidhagen Dem Vergessen entreißen

Das Marburger Universitätsmuseum erinnert mit der Ausstellung „Reinhard Schmidhagen und sein Marburger Kreis“ im Landgrafenschloss an einen zu Unrecht fast vergessenen Expressionisten.

Voriger Artikel
Vom Kaff der guten Hoffnung, Fußballmäusen und Schreibtipps für Kinder
Nächster Artikel
Marburger Musiker gehen auf Mittelhessen-Tournee

Georg Solms (links) und Museumsdirektor Dr. Christoph Otterbeck sprechen über die Holzschnitte des Künstlers Reinhard Schmidhagen.

Quelle: Uwe Badouin

Marburg. Am 8. Juli 1945, wenige Wochen nach Ende des Zweiten Weltkriegs starb in Marburg der Maler und Grafiker Reinhard Schmidhagen. Der Künstler wurde nur 30 Jahre alt. Vielleicht liegt es daran, dass er in einer Biografie als „Unvollendeter“ bezeichnet wurde.

Zudem kam es nach Kriegsende unter dem Eindruck der Gräuel Nazideutschlands zu einem Umbruch in der Kunstszene: Die Künstler wandten sich der abstrakten Malerei zu. Der Expressionismus, der im frühen 20. Jahrhundert entstand, war nicht mehr gefragt – Schmidhagen geriet in Vergessenheit.

Das Universitätsmuseum will den Künstler dem Vergessen entreißen. Museumsdirektor Dr. Christoph Otterbeck meint sogar, dass er in die Reihe bedeutender Marburger gehört, an die die Stadt mit Plaketten an Häusern erinnert.

Das Universitätsmuseum zeigt im Schloss die Ausstellung „Reinhard Schmidhagen und sein Marburger Kreis“.

Zur Bildergalerie

Denn trotz seiner Jugend und einer massiven gesundheitlichen Beeinträchtigung durch ein schweres Lungenleiden, das ihn immer wieder zu Kur- und Krankenhausaufenthalten zwang, hat Schmidhagen ein verblüffend umfangreiches Werk hinterlassen.

Das neu in den Blick zu rücken ist Ziel der Ausstellung im Kleinen Rittersaal des Landgrafenschlosses. Dort zeigt Museumsdirektor Otterbeck 32 Werke des Künstlers, der von 1940 bis zu seinem Tod in Marburg lebte und arbeitete und auch auf dem Hauptfriedhof in der Ockershäuser Allee beigesetzt ist. Zu sehen sind je etwa 10 Gemälde, Zeichnungen und großformatige Holzdrucke, für die er zu Lebzeiten große Anerkennung bekam – etwa von Hermann Hesse und Thomas Mann.

Mutig trotz eigener Sorgen

Er war befreundet mit berühmten Zeitgenossen wie der Bildhauerin und Malerin Käthe Kollwitz und vielen bekannten Marburgern, die er porträtierte: unter anderem Reinhard Stephani, Jane Steinmeyer, Professor Max Kommerell, Professor Max Graf zu Solms und Professor Richard Hamann, der vermutlich seine Hand schützend über den jungen Künstler hielt.

Denn Reinhard Schmidhagen war ein in vielerlei Hinsicht durch die Nazis gefährdeter Künstler. Er war homosexuell, ein Vertreter einer von den Nazis verfemten Kunstströmung und er war mutig: Schmidhagen half so gut er konnte verfolgten jüdischen Familien etwa mit Lebensmitteln und versuchte, auch das ist belegt, seine Mitmenschen über die menschenverachtende Nazi-Ideologie aufzuklären, wie Otterbeck betont.

Der Marburger Kunsthistoriker Professor Richard Hamann (1879 – 1961) förderte Schmidhagen: Er zeigte seine Arbeiten 1940 in einer Gruppenausstellung im Ernst-von-Hülsen-Haus und besorgte ihm dort ein Atelier, in dem er arbeiten konnte. Noch 1944 hatte Schmidhagen in Marburg eine große Ausstellung in einem Privathaus.

Der Fokus der Ausstellung liegt auf „Reinhard Schmidhagen und sein(em) Marburger Kreis“. So sind Porträts zu sehen, die Schmidhagen in Marburg mit Öl auf Leinwand malte – in einem sehr expressiven Gestus. Hamann ist dort zu sehen, aber auch ein sehr beeindruckendes Porträt Helmuth Jacobsohns, Sohn des Indogermanisten Hermann Jacobsohn, der von den Nazis am 25. April 1933 aus der Universität geworfen wurde und sich zwei Tage später das Leben nahm. Es ist ein düsteres Bild, das die ganze Grausamkeit des Lebens unter der Naziherrschaft einfängt.

Werke unter dem Eindruck des Guernica-Massakers

Doch die Ausstellung, für die das Museum Leihgaben von privaten Sammlern und vom Kunstmuseum Bochum, das den Nachlass des Künstlers verwaltet, zusammengetragen hat, geht in vielen Punkten darüber hinaus. Sie zeigt auch beeindruckende und ergreifende Holzschnitte, die Schmidhagen unter dem Eindruck der Bombardements auf die spanische Stadt Guernica durch die deutsche Legion Condor fertigte. Ein Druckstock, der anschaulich macht, wie aufwändig ein Holzschnitt ist, sowie Briefe und Dokumente runden die Schau ab.

Zu der Ausstellung gibt es ein eindrucksvolles Begleitbuch, das unter dem Titel „Künstlerische Freiheit trotz alledem!“ im Jonas-Verlag erschienen ist. Es enthält Beiträge unter anderem von Otterbeck, Georg Solms, Georgina Koch und der am 5. Mai verstorbenen Marburger Historikerin Margret Lemberg, die mit großer Hingabe den „Marburger Kreis“ des Künstlers recherchiert hat.

  • Am Mittwoch, 8. Juli, findet um 19 Uhr aus Anlass des 70. Todestags des Künstlers im Landgrafenschloss eine Lesung aus Briefen und Dokumenten statt. Der Eintritt ist frei. Die Ausstellung ist bis zum 16. August im Kleinen Rittersaal zu sehen; geöffnet Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr.

von Uwe Badouin

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Hier finden sie die Kommentare und Meinungen der Redakteure zu lokalen und weltpolitischen Themen sowie Glossen und augenzwinkernde Beträge. mehr