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Das Zwerchfell hüpft, die Augen tränen

Marburger Lyrikkompanie Das Zwerchfell hüpft, die Augen tränen

Die Marburger Lyrikkompanie sprach, sang und spielte am Samstagabend ihr neues Programm „vom Vom zum Zum“. Klassische Nonsens-Gedichte von Morgenstern waren ebenso dabei wie Unerwartetes von Hesse.

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Jürgen Helmut Keuchel (von links), Peter Rollenske, Carsten Beckmann und Stefan A. Piskorz von der Marburger Lyrikkompanie bringen spitzbübisch Unordnung ins Gewohnte.Foto: Fey

Marburg. „Nonsens: Auf empirische, logische oder sprachliche Regelverletzungen gegründete, tendenzlose Gattung des Komischen“ definiert das Fachlexikon. Oder einfacher ausgedrückt: Nonsens stiftet spitzbübisch Unordnung im Gewohnten. Kleine Veränderungen oder Überbetonungen an der richtigen Stelle genügen und ein normaler Satz wird komisch. Regeln, die ernster genommen werden als sie gemeint sind, stellen den ursprünglich intendierten Zweck auf den Kopf.

So nimmt der Werwolf in Christian Morgensterns gleichnamigem Gedicht die deutsche Grammatik gar zu ernst und bittet den Geist des Dorfschullehrers aus dem Grabe aufzusteigen, um ihn in Genitiv, Dativ und Akkusativ zu beugen. Kein Problem: Vom Wes-Wolf geht es über den Wem-Wolf zum Wen-Wolf. Nur den Plural für die Beugung der ganzen Werwolffamilie hat das Deutsche - tragisch, tragisch - nicht zu bieten. Ein anderes Raubtier, ein Panther, wird bei Wiglaf Droste nicht von der Grammatik, sondern von der Political Correctness gebeugt und mutiert zum „toleranten Panther“: „Am Tage schiebe ich die Rehe, die im Rollstuhl sitzen und sieche Kühe durch den Wald. Ich schreite ein bei Hasenwitzen, ich führe blinde Schafe über Straßen, gratis ohne Lohn.“

All dies und vieles weitere präsentierten Jürgen Helmut Keuchel, Stefan Piskorz, Carsten Beckmann und Peter Rollenske - zusammen die Marburger Lyrikkompanie - am Samstagabend im ausverkauften Szenario. Dabei gaben sie alles: Powerpointpräsentation, „Purple Rain“ und Schulmädchenzöpfe kamen ebenso zum Einsatz wie ein großes Sammelsurium an Instrumenten.

Seit mehr als einem Jahrzehnt bietet die Lyrikkompanie Programme zu Themen, die von Liebe bis Tod reichen, behandelt Autoren oder Epochen. Aber nun gönnen sich die Lyrikprofis mit „vom Vom zum Zum“ einen Ausbruch aus dem Inhaltlichen. Zum ersten Mal widmen sie sich der reinen zweckfreien Freude am Sprachspiel, an der schamlosen Übertreibung und der subtilen Komik.

Klassiker wie Ernst Jandls „Ottos Mops“, Kurt Schwitters’ „Ursonate“ oder das „Nasobem“ von Christian Morgenstern sind natürlich mit dabei. Doch die Lyrikkompanie gibt auch Gelegenheit eher unbekannte Autoren sowie Unerwartetes von berühmten Namen kennenzulernen. Der sonst für melancholische Weltzweifel bekannte Hermann Hesse beweist im „Wallfahrer-Lied. Von Vögeln gesungen“, dass auch er mit Leichtigkeit in Nonsens abheben konnte.

Und Erich Fried gelingt es in der „Verstandsaufnahme“ durch die simple Vertauschung von „be“ und „ver“ Verwirrung ins Bürokratendeutsch zu bringen. Zwei eigene Texte von Kompaniechef Keuchel brauchen den Vergleich mit den Klassikern nicht zu scheuen.

„Jetzt hören Sie doch man auf zu nachen!“ herrscht ein Steinzeitmann mit Sprachfehler das lachende Publikum an - völlig vergebens: Das Zwerchfell hüpfte und die Augen tränten. Am 9. Februar ist die nächste Gelegenheit, die Lyrikkompanie mit „vom Vom zum Zum“ zu erleben.

von Angelika Fey

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