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Das Schreiben hat die Angst gezähmt

Herta Müller Das Schreiben hat die Angst gezähmt

Das Interesse war riesig, die Aula der Alten Universität schon seit Tagen ausverkauft: Marburg wollte die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller hören. Es wurde eine beeindruckende Veranstaltung.

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Trotz vieler Angriffe hat Herta Müller das Lachen nicht verloren. In Marburg las die Literaturnobelpreisträgerin in der Aula der Alten Universität.

Quelle: Florian Gaertner

Marburg. Alles war bereitet für einen großen Literaturabend: Das Goldene Buch der Stadt Marburg lag bereit für Herta Müller, die 2009 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde - der höchsten Auszeichnung, die ein Schriftsteller bekommen kann.

Gespannt auf den Auftritt der zierlichen, 1953 als Mitglied der deutschsprachigen Minderheit im rumänischen Banat geborenen Schriftstellerin waren die Zuhörer im seit Tagen ausverkauften „Allerheiligsten“ der Philipps-Universität, darunter zahlreiche Ehrengäste.

Im Westen hörte die Verfolgung nicht auf – daran und an die sieben Marburg-Besuche von Herta Müller erinnerte Solms in seiner Einführung. Solms lud Herta Müller immer wieder zu Lesungen ein und er war es auch, der Herta Müller in Marburg mit Harry Merkle bekannt machte, der mit der Marburger Theaterwerkstatt 1990 ein Stück der Autorin inszenierte. Heute sind die beiden verheiratet. Man sieht, die Beziehungen zu Marburg sind eng.

Dennoch hat es gut 15 Jahre gedauert, bis Herta Müller zu ihrer achten Lesung nach Marburg zurückkehrte – diesmal allerdings nicht als großartige, aber weitgehend unbekannte Schriftstellerin, sondern als berühmte Literaturnobelpreisträgerin. Dieser Preis ist nicht nur die Anerkennung eines bedeutenden Werkes, er war – ganz besonders im Fall von Herta Müller – auch ein Schild, eine Rüstung.

Die Nachstellungen und Verleumdungen durch die von der Securitate unterwanderte Landmannschaft der Banater Schwaben, die sie auch in Deutschland jahrelang ertragen musste, haben aufgehört, sagte Herta Müller. Und sie kann heute über ein Urteil des Großkritikers Marcel Reich-Ranicki gelassen schmunzeln, der laut Solms einmal sagte: „Diese Herta Müller hat ein schlechtes Buch geschrieben, mit schiefen Bildern auf jeder Seite.“Auch ein Großkritiker kann sich irren.

Gemeinsam mit Ernest Wichner, Leiter des Literatur-Hauses in Berlin, nahm Herta Müller auf dem Podium Platz. Sie sind ein eingespieltes, eng befreundetes Team, kennen sich seit Schulzeiten, gut 20 Gesprächslesungen haben sie gemeinsam absolviert, sagte Wichner der OP. Herta Müller las aus ihrem ersten Buch „Niederungen“, aus dem Roman „Herztier“, mit dem ihr 1994 der literarische Durchbruch gelang, aus „Atemschaukel“ und stellte ihre Collagen aus „Vater telefoniert mit den Fliegen“ vor.

Diktatur prägt ihr Werk

Dazwischen sprach sie mit Ernest Wichner ausführlich über den psychischen und physischen Terror unter der Diktatur Ceausescus, den sie immer wieder in ihren Werken in einer extrem verdichteten, zugleich klaren und poetischen Sprache thematisiert.

Es waren ergreifende Innenansichten aus einer Diktatur: „Die Angst ließ sich durch Schreiben zähmen. Ich wollte keine Literatur schreiben, ich wollte Halt finden“, sagte sie über ihre Anfänge damals in Rumänien, als sie als Übersetzerin in einer Maschinenfabrik arbeitete, drangsaliert von der Securitate. Sie sprach über ihre Politisierung durch Literatur, von ihrem Nazi-Vater, der mit der SS in den Krieg zog, von Verrat, Denunziation, Verleumdung, von Hasskampagnen gegen sie und ihre Familie.

Diese Diktatur hat sie und ihr Werk geprägt, und sie hat sie verletzt, denn diese Diktatur machte auch vor Freundschaften nicht Halt. Ihre Freundin wurde angeworben, sie auszuspionieren. „Das verzeihe ich diesen Schweinen nie“, sagte sie. Und kaum im Westen angekommen, wurde sie wieder verhört – diesmal vom Bundesnachrichtendienst und dem Verfassungsschutz. Sie vermutet, dass sie von Mitgliedern der Landsmannschaft der Banater Schwaben als rumänische Agentin denunziert wurde.

Angesichts dieser Biografie ist es kein Wunder, dass sie als Dichterin der Heimatlosigkeit bezeichnet wird. Aber auch darauf hat sie eine Antwort: „Meine Heimat sind meine Freunde“, sagte sie. Ein Satz, den man sofort unterschreiben würde – wie so viele andere von ihr.

von Uwe Badouin

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