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Das Destillat einer Trinker-Beichte

"Schluckspecht" am Landestheater Das Destillat einer Trinker-Beichte

Uraufführungen sind selten an kleinen Theatern. Regisseur Simon Meienreis ist es gelungen, eine für das Hessische Landestheater zu sichern - noch dazu mit einem Ingeborg-Bachmann-Preisträger auf der Bühne.

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Noch ist der Alkohol für Victoria Schmidt und Stefan Piskorz (oben) als Alter Egos von Bachmann-Preisträger Peter Wawerzinek (kleines Foto) eine kleine Flucht aus dem Alltag.
 Fotos: Jan Bosch/Arno Burgi

Marburg. Es geht um Alkohol. Sehr viel Alkohol. Eierlikör, Rumtopf, Bier, Schnaps und die „Schwarze Johanna“, über viele Jahre Peter Wawerzineks beste Freundin. Und es geht um ­einen Platz im Leben: Peter Wawerzinek vergleicht das Leben zu Beginn mit einem Kinderspiel - die Reise nach Jerusalem, bei dem er immer draußen geblieben sei.

„Schluckspecht“ ist der autobiografische Roman des heute­ 62-jährigen Schriftstellers, der sich 2010 nach jahrelanger, heftiger Alkoholsucht mit seinem ebenfalls autobiografischen Roman „Rabenliebe“­ zurückmeldete im Kulturbetrieb wie ein Phönix aus der Asche: Er bekam den renommierten Ingeborg-Bachmann-Preis, einen der wichtigsten Preise der deutschsprachigen Literatur.

Ist „Rabenliebe“ eine poetisch verdichtete Wutrede auf seine Mutter, die ihn und seine ein Jahr jüngere Schwester 1957 im Alter von zweieinhalb Jahren ohne Hilfe in der Wohnung in Rostock zurückließ und in den Westen „rübermachte“, so ist „Schluckspecht“ eine Art Folgegeschichte eines Menschen, der den Verlust der Mutter, die Einsamkeit, die verlorene Kindheit schon als Jugendlicher mit Alkohol betäubt.

Regisseur Simon Meienreis hat den 460 Seiten starken Roman extrem verdichtet und die Textpassagen auf drei Darsteller verteilt: Victoria Schmidt und Stefan Piskorz spielen jüngere Ichs des Erzählers, Peter Wawerzinek spielt sich selbst als frisch geduschten Überlebenden, der sich zuschaut, wie er abstürzt in ein Leben, in dem aus einem trinkenden Menschen ein Mensch wird, der nur noch Trinker ist.

Der Griff zum Alkohol war immer leicht: Tante Luzy und Onkel Onkel, wie die Adoptiveltern in den Roman genannt werden, setzen Eierlikör und Rumtöpfe an. Am Anfang steht der jugendliche Rausch, das Ausloten von Grenzen. Doch scheint schon zu Beginn der Exzess durch.

Peter Wawerzinek , aufgenommen in diesem Jahr auf der 62. Frankfurter Buchmesse in Frankfurt.

Victoria Schmidt und Stefan Piskorz verwandeln sich im Verlauf der Inszenierung von suchenden, neugierigen Jugendlichen in verdreckte Wracks, die sich nicht einmal mehr die Schuhe anziehen können. Umgeben von absterbenden Pflanzen machen sie in einer mal poetischen, mal derben Sprache den schleichenden Prozess hin zum Alkoholiker deutlich. Ihnen gelingt es, aus diesen Passagen sowohl die Aggressionen und die Wut als auch die Zerbrechlichkeit eines zutiefst verletzten Menschen zu transportieren.

Ausweglos erscheint dieser Weg, der Wawerzinek immer wieder in die Kneipe zu anderen Trinkern führt - und dann wieder zurück in eine Wohnung voller Dreck. „Die Jacke ist verrutscht. Das Hemd ist geknittert. Man kann sehen, wie kalt und trostlos es in meiner Bude ist. Das Zimmer ein Lager der Müllabfuhr. Der wache Blick fährt wie eine Kamera meinen Wohnbereich ab. Über die Nachtleuchte, die umgefallen ist. Über den lädierten Schirm. Über Glas, Splitter, Spritzer, Papier, Speisereste, Blut oder Erbrochenes. Die Flecken auf der Wange. Brutal aus der Nähe gefilmt, wenn sie über mir und meinem aufgedunsenen Gesicht, der Fratze ist. So legt sich kein Held zu Bett. So wirft Abfall sich in die Ecke“, heißt es in dem Stück.

Und doch ist Peter Wawerzinek dem Elend nach vielen Jahren entronnen, kann auf der Bühne des Landestheaters zurückschauen auf sein Leben und manchmal wissend nicken, in einer Inszenierung, in der Simon Meienreis mit viel Empathie Bilder gefunden hat, mit denen er die seelische Not betont. Eine Metapher dafür sind die vielen Vogelmotive, die sich in Kostümen und in der Bühnenmusik wiederfinden. Mit Vögeln sprach Wawerzinek als Kind, gegenüber Erwachsenen in Heimen, Schulen und bei Pflegeeltern blieb er stumm.

Am Samstag aber strahlte er nach der Uraufführung über ein Stück, das nicht so leicht zu konsumieren ist wie Eierlikör.

  • Weitere Aufführungen sind am Dienstag, 13. Dezember, und am 8. Januar jeweils ab 19.30 Uhr im Theater am Schwanhof.

von Uwe Badouin

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