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Das 19. Jahrhundert auf 60 Quadratmetern

Haus der Romantik Das 19. Jahrhundert auf 60 Quadratmetern

Einen Blick in das „Marburger Alltagsleben im 19. Jahrhundert“ wirft eine Ausstellung von Studierenden im Marburger Haus der Romantik. Romantisch aber war das Leben damals nicht.

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Elf Studierende um Professorin Marita Metz-Becker (links) und Professor Siegfried Becker (Dritter von links) haben die Ausstellung „Marburger Alltagsleben im 19. Jahrhundert“ konzipiert.

Quelle: Uwe Badouin

Marburg. Marburg zu Beginn des 19. Jahrhunderts war eine Kleinstadt. 6000 Menschen lebten in Marburg, die meisten in bitterer Armut. 103 junge Männer studierten an der Philipps-Universität, betreut wurden sie von rund 30 Professoren – heute unvorstellbar.

Die Professoren und Studenten gehörten neben einigen Beamten und wohlhabenden Bürgern zu der verschwindend kleinen Oberschicht in der Stadt. Sie trafen sich in Vereinen und Gesellschaften, der Haushalt wurde geführt von Dienstmädchen aus dem Umland, die für kargen Lohn hart schufteten. Und doch waren diese Stellen begehrt, weil oft noch erträglicher als die Fron auf einem Bauernhof im Umland.

Der Rest der Einwohner waren Handwerker, Krämer, Bauern, die ein überwiegend karges Leben führten, ein ganz anderes Leben als der kleine Kreis von Romantikern, der sich in Marburg gebildet hatte und sich mit Literatur und Poesie beschäftigte.

In Altstadt „die Aura des Authentischen vor der Tür“

Marburger Ackerbauern trieben bis weit in die Mitte des 19. Jahrhunderts ihre Kühe und Schafe durch die Oberstadt zu den Weiden vor den Toren der Stadt. Schweine und Hühner wurden in den engen Häusern gehalten. Es war dreckig und am Erlengraben vor den Toren der Stadt stank es erbärmlich. Dort arbeiteten die Gerber.

11 Studierende des Fachs Europäische Ethnologie / Kulturwissenschaft der Philipps-Universität haben sich unter der Leitung der beiden Professoren Marita Metz-Becker und Siegfried Becker in ein spannendes Lehrforschungsprojekt gestürzt. Ihr Ziel: Das „Marburger Alltagsleben im 19. Jahrhundert“ erschließen, dokumentieren und für eine Ausstellung aufbereiten, die diesen Freitag um 16 Uhr im Haus der Romantik eröffnet wird. Auf 21 mit zahlreichen Bildern illustrierten Schautafeln widmen sie sich den „Dienstbaren Geistern“ ebenso wie Professoren-Haushalten, den „Unruhestiftern“, als die die Studenten gesehen wurden, wie den Marburger Märkten und Festen.

Weitere Themen sind etwa die massenhafte Auswanderung nach Übersee: Tausende verließen Kurhessen entweder aus politischen Gründen, meist aber auf der Suche nach einem besseren Leben. Das Elend weiter Bevölkerungskreise im frühen 19. Jahrhundert förderte einen Elendsalkoholismus: Der enorme Alkoholkonsum dieser Zeit ist nach Ansicht der Ausstellungsmacher auch ein Resultat der bedrückenden Armut.

Schnaps sei des Gerbers Muttermilch gewesen, zitiert Professor Siegfried Becker in seinem Beitrag den Weidenhäuser Gerber Georg Reinemund. „Die Ernährung war schlecht, Fleisch hat es nie gegeben“, erzählte der Gerber August Mootz. Ab und zu aber habe der Vater im Winter mal „Kopffleisch“ von den mit Kopf gelieferten Häuten mitgebracht, das noch gekocht worden sei, „wenn die Ratten nicht dran waren“.

Becker: Alltag ist sehr schwer für andere zu fassen

Die Themen haben die Studierenden entwickelt, die unter anderem im Hessischen Staatsarchiv, aber auch im Archiv der Marburger Kulturwissenschaftlerin Ingeborg Weber-Kellermann auf Spurensuche gingen. Hilfreich waren auch autobiografische Schriften etwa von dem berühmten Marburger Maler Carl Bantzer. „Zudem haben die Studierenden Marburg die Aura des Authentischen vor der Tür“, betonte Professorin Marita Metz-Becker beim Pressegespräch. Die Marburger Altstadt ist über die Jahrhunderte weitgehend erhalten geblieben.

Erst mit der Annexion Preußens 1866 änderte sich das Bild. Es floss Geld in die Stadt, es wurde gebaut, die Gründerzeit war angebrochen: Marburg wuchs bis 1900 auf 20 000 Einwohner, die Zahl der Studierenden hatte sich verdoppelt. Professor Siegfried Becker bezeichnete die Aufgabenstellung als „methodische Herausforderung“ für die Studierenden: „Der Alltag ist das Gewöhnliche und deshalb sehr schwer zu fassen und für andere sichtbar zu machen.“

Dennoch ist es den Studierenden gelungen, mit ihrer Themen-Auswahl einen Überblick über das Alltagsleben in dem aus heutiger Sicht oft verklärten „romantischen“ Jahrhundert zu geben. Keiner kann sich vorstellen, in dieser Zeit zu leben. „Zu hart, zu körperlich, zu angstbesetzt“ sei diese Zeit gewesen, meint Erik Lennard Vogler.

  • Die Ausstellung „„Marburger Alltagsleben im 19. Jahrhundert“ wird diesen Freitag um 16 Uhr im Haus der Romantik eröffnet. Sie ist bis zum 31. Mai zu sehen; geöffnet Dienstag bis Sonntag von 11 bis 13 und 14 bis 17 Uhr. Zu der Ausstellung ist ein Katalog erschienen. Zudem bieten die Studierenden nach telefonischer Absprache Führungen durch die Ausstellung oder die Stadt an: Telefon 06421 / 917160.

von Uwe Badouin

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