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„Dann saß ich mit gefletschten Zähnen da“

OP-Interview „Dann saß ich mit gefletschten Zähnen da“

Der sympathische Kabarettist Urban Priol im OP-Interview. Am Donnerstag, 30. Juli, ist Urban Priol wieder in Marburg. Er gastiert mit einem Programm „Tür zu“ auf der Schlossparkbühne. Die Show beginnt um 20 Uhr.

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Urban Priol findet seine Frisur ganz praktisch.

Quelle: Veranstalter

Marburg. Die OP sprach mit dem Nordbayern vorab am Telefon.

OP: Warum stehen Ihnen die Haare zu Berge?
Urban Priol: Die Frisur zeigt, dass ich mich selbst nicht so fürchterlich ernst nehme und nicht der eitelsten einer bin. Vielleicht steht sie auch für das Wirre und Zerrissene in der Welt. Entstanden ist sie aus ganz praktischen Gründen Anfang der 90er Jahre bei einer Show zu einem Gewerkschaftsjubiläum. Damals hatte ich noch mehr Haare, die sich furchtbar schlecht bändigen ließen. Bei der Produktion hatte ich mehrere Rollen zu spielen – vom Priester über den gelackten Gewerkschaftsfunktionär bis zum aufgeregten Moderator, bei dem alles schief ging. Beim Rundlauf habe ich schnell Brille und Jackett gewechselt und bin mit dem Handtuch durch die gegelten Haare gegangen. Die standen dann in alle Richtungen ab. Ich finde die Frisur ganz praktisch, und sie kommt auch meiner Faulheit entgegen.

OP: Urban Priol ist kein Künstlername.
Priol: Das stimmt, ich versuche so authentisch wie möglich zu sein. Der Nachname kommt irgendwo aus dem Hugenottischen, die sind im 14. Jahrhundert nach Böhmen und Mähren geflohen. So ganz kann ich nicht verstehen, warum sie leckere Shrimps und Austern gegen Knödel eingetauscht haben. Und nun der Vorname: In Bayern hatte bis in die 60er Jahre hinein jeder Dorfheilige seinen Feiertag und seine Prozession. Meine Eltern konnten sich auf keinen Namen einigen, als gerade die Statue des heiligen Urbanus, dem Beschützer der Weinberge, am Fenster vorbeigetragen wurde. Das mit den Weinbergen find ich ganz gut. Gegen einen gepflegten Wein habe ich nichts einzuwenden.

OP: Sie finden Ihre Gags oft in den hohlen Phrasen der Politiker. Wie können Sie sich diese Reden antun? Macht Sie das nicht aggressiv?
Priol: Als ich kürzlich Köhlers Rede zum 60. Jahrestag des Grundgesetzes gehört habe, saß ich mit gefletschten Zähnen da und dachte, ’ist das wahr oder eine Erscheinung’? Aber als Kabarettist muss man in den Strafraum, dahin, wo auch der Stürmer hingeht und wo es weh tut.

OP: Haben Sie eine Erklärung, warum das Phrasendreschen der Politiker funktioniert? Die Menschen sind doch nicht blöd.
Priol: Die politischen Inhalte werden in der gigantischen Unterhaltungsmaschinerie einfach ausgeblendet. Die Leute werden sediert, die Qualität geht verloren. Früher blieb man zu Hause, um „Auf Achse“ mit Manfred Krug zu sehen. Heute behaupten die Fernsehmacher, ’der Zuschauer will das nicht mehr sehen’. Aber das Publikum hat gar keine Möglichkeit, etwas anderes anzugucken. Und so ist das in der Politik auch, wir haben ja nur noch Politik-Surrogate (Ersatzstoffe).

OP: Was erwartet die Zuschauer bei Ihrem Programm „Tür zu“?
Priol: Der tägliche Wahnsinn.

von Christine Krauskopf

Mehr dazu lesen Sie in der Printausgabe der OP.

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