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Computer statt Mathelehrer?

Richard Prechts Bildungsoffensive Computer statt Mathelehrer?

Die Abhandlung „Anna, die Schule und der liebe Gott“ des Pop-Philosophen Richard Precht liest sich eher wie die realitätsferne Vision eines selbsternannten Heilsbringers, der mit Modebegriffen und Medienhype Altbekanntes als Sensation verkauft.

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Der Bestsellerautor Richard David Precht will mit seinem neuen Buch die deutsche Bildungslandschaft verändern.Archivfoto: Arno Burgi

Quelle: Arno Burgi

Marburg. Heute steht die Goethezeit auf dem Stundenplan. Der Geschichtslehrer erzählt von der Antikenbegeisterung Johann Joachim Winckelmanns, der Kunstlehrer klärt über den Goldenen Schnitt auf, der Deutschlehrer referiert über das Faust-Motiv, der Chemielehrer vollführt im Geiste der Alchemisten Experimente mit Eisen und Schwefel, und der Geografielehrer erklärt, woher der Schwefelkies kommt. So sähe in Zukunft eine Unterrichtsstunde an deutschen Schulen aus, ginge es nach Richard David Precht. Der Popstar unter den Philosophen plädiert in seinem Sachbuch „Anna, die Schule und der liebe Gott“ (Goldmann) für eine „Revolution des Bildungssystems“.

Fächer will er zugunsten themenübergreifender Arbeit abschaffen. Das Faust-Beispiel klingt zwar als Projekttag spannend, als Utopie für den Alltag jedoch reichlich realitätsfern. Sollen fünf Lehrer gleichzeitig unterrichten? Außerdem bleibt zu bezweifeln, ob genug Zeit für eine intensive Interpretation des „Faust“ bleibt, wenn der Chemielehrer im nächsten Moment den Bunsenbrenner rausholt. So ähnlich ist es mit dem gesamten Buch: Die Argumente klingen gut, lassen sich aber leicht in Frage stellen.

Auch wirklich revolutionär sind Prechts Verbesserungsvorschläge für eine „Schule der Zukunft“ nicht. Selbst die am tiefsten greifenden Reformen wie die Abschaffung von Noten und die Einführung von Ganztagsschulen bis 16 Uhr wurden bereits teilweise in die Realität umgesetzt.

Mit „Wer bin ich - und wenn ja wie viele?“, eine für Laien verständliche Einführung in die Philosophie, wurde Precht zum Bestsellerautor. Sein jüngstes Werk richtet sich vorrangig an Lehrer und Eltern. Beiden Ziel-Gruppen gehört der dreifache Vater und zweifache Honorarprofessor selbst an. Den meisten Lehrstoff - da hat Precht Recht - vergessen die Schüler nach dem Abschluss wieder, weil er nichts mit ihrem Leben zu tun habe. Das sei reichlich ineffizient: „Wäre das Schulsystem, so wie es heute besteht, ein Unternehmen, so wäre es längst pleitegegangen. Wäre es ein Staat, wäre es bereits vor Jahrzehnten implodiert.“

Fast die gleiche Formulierung hat der Pop-Philosoph schon einmal gebraucht: bei der Premiere seiner ZDF-Sendung „Precht“ im September 2012. Das marktschreierische Thema lautete damals „Skandal Schule - Macht Lernen dumm?“. Ähnlich populistisch wird das Medienprodukt Precht auch rund um die Veröffentlichung des neuen Buches vermarktet. In der „Zeit“ verglich Precht vorab in einem Gastbeitrag gutes Lernen mit gutem Sex. Der Untertitel des Buches lautet reißerisch „Der Verrat des Bildungssystems an unseren Kindern“.

Precht will etwa den Mathematikunterricht komplett durch ein Softwareprogramm ersetzen, das jeder Schüler seinem individuellen Tempo anpassen kann.

Prechts Ideen für einen besseren Zusammenhalt unter Schülern könnten auch nach hinten losgehen: Wenn der Philosoph die Jahrgangsklassen abschaffen und durch Lernteams aus Gleichgesinnten verschiedenen Alters ersetzen will - die haarsträubende Begründung: „ältere Jungs sind ohnehin interessanter für die Mädchen“ - erhöht das den sozialen Druck, sich in eine Gruppe zu finden. Precht will die Schule in Lernhäuser einteilen, die jeweils von einem Lehrer betreut werden. Die sollen nach dem Vorbild von Harry Potter in Sportwettbewerben gegeneinander antreten. Wer nicht sportlich ist, bleibt auf der Strecke.

Richard David Precht: „Anna, die Schule und der liebe Gott“, Goldmann, 352 Seiten; 19,99 Euro

von Nina May

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