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Commissario Brunetti taucht ab

OP-Buchtipp: Donna Leon: „Stille Wasser“ Commissario Brunetti taucht ab

Hitze in Venedig, Stress in der Questura: Guido Brunetti nimmt eine Auszeit und verzieht sich auf eine kleine Insel in der Lagune. „Stille Wasser“ heißt der 26. Fall des Commissarios.

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Die US-amerikanische Autorin Donna Leon lässt ihren Commissario Brunetti den 26. Fall ermitteln.

Quelle: Arne Dedert

Es ist unerträglich heiß in Venedig. Und unerträglich findet Guido Brunetti auch den Mann, den er in der Questura wegen eines ungeklärten Todesfalls befragen muss. Denn er ist reich, einflussreich und unglaublich arrogant. Der Commissario beherrscht sich angesichts der Überheblichkeit seines Gastes. Er ahnt schon, dass seinem Vorgesetzten nicht wirklich an einer echten Aufklärung des Sachverhalts gelegen ist.

Sein junger Kollege Pucetti 
allerdings ist hitziger. Doch 
bevor dieser etwas Unbesonnenes tut, was seine Karriere vorzeitig beenden könnte, simuliert Brunetti als Ablenkung 
einen Schwächeanfall – mit weitreichenden Folgen. Brunetti wird ins Krankenhaus gebracht und bekommt wegen Erschöpfung eine Auszeit verordnet. Damit beginnt Donna Leons neuer Roman „Stille Wasser“.

Die Ouvertüre hat eigentlich nichts mit dem 26. Fall des beliebten Polizisten zu tun, wenn sie auch ein Schlaglicht auf die Arbeitsweise der italienischen Behörden wirft, was wiederum umso mehr für jene Vorkommnisse gilt, in die Brunetti später unfreiwillig hineinschlittert. Alles beginnt mit dem Aufenthalt des Commissarios in einer Villa auf einer kleinen Insel in der Lagune, die der Familie seiner Frau gehört. Dort soll – und will – er sich erholen. Denn Brunetti merkt, dass seine Batterien tatsächlich aufgeladen werden müssen.

Idylle endet schlagartig

Der Verwalter jenes Hauses war ein Freund seines verstorbenen Vaters, und Brunetti findet sofort einen Draht zu ihm. Der wortkarge Davide hat eine 
Vorliebe: Bienen, die er weit draußen in der Lagune züchtet. Täglich rudert er raus, um nach ihnen zu sehen, denn auch seine weit abgelegenen Stöcke werden vom weltweiten Bienensterben nicht verschont. Brunetti darf mit und erfährt bei diesen langen Ausflügen eine Menge über die Natur. Hier draußen ist das Lagunenwasser zumindest äußerlich noch sauber – ganz anders als direkt in Venedig. Es ist eine gute Zeit für Brunetti, der sich beim Rudern und Schwimmen täglich so verausgabt, dass er abends oft über seinem geliebten Plinius (d. Älteren) einschläft.

Doch die Idylle endet schlagartig, als Davide die Touren fürs Wochenende absagt und spurlos verschwindet. Klar, dass 
Brunetti nicht locker lässt und seinen Freund sucht. Er holt sich Hilfe bei Kollegen aus der Questura. Die guten alten Bekannten Vianello und auch Griffoni sind mit von der Partie, als sie auf Unglaubliches stoßen.

Doch wie damit umgehen?

Was dann geschieht, ist typisch Leon. Ruckartig zieht sie den lockeren Spannungsbogen straff – fürs Erste. Danach geht es wieder gemächlicher zu, und der Leser wundert sich durchaus, dass Brunetti so eine lange Leitung hat. Das Besondere an den Romanen der gebürtigen Amerikanerin (Jahrgang 1942) ist: Ihre beziehungsweise Brunettis Fälle sind zwar oft alltägliche Polizei­arbeit, aber doch auch häufig 
nichts anderes als Symptome 
eines korrupten Systems, das die ganz großen Verbrechen ermöglicht und vertuscht – was natürlich nicht auf Venedig (oder Italien) beschränkt ist.

Doch die zunehmende Verschmutzung der Lagune trifft die Wahl-Venezianerin natürlich ins Mark. Wie in jedem ihrer 
Bücher gibt es also auch hier wieder ein aktuelles Schwerpunktthema. Und dieses Mal ist es eben die Profitgier zu Lasten der Umwelt. So steckt auch „Stille Wasser“ voller kaum verbrämter Kritik, was gut ist. Und gut zu lesen ist dieser Leon-
 Roman, in dem der Brunetti-Clan dieses Mal nur rudimentär auftritt, allemal.

Was allerdings ein wenig überrascht, ist die ungewohnte Arglosigkeit des Polizisten, der zwar unbedingt wissen will, was es mit dem Verschwinden Davides auf sich hat, und wie immer Fakt für Fakt zusammenträgt, dann aber doch eine ganze Weile braucht, um hinter das Verbrechen zu kommen, das doch eigentlich auf der Hand liegt. Bis die Geschichte am Ende eine Wendung nimmt.

  • Donna Leon: „Stille Wasser“, Diogenes Verlag, 352 Seiten, 24 Euro.

von Frauke Kaberka

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