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Cannes und die Zukunft des Kinos

Filmfestival Cannes und die Zukunft des Kinos

In Cannes sah es bis gestern noch wie bei einer Handwerkermesse aus. Überall wurde gesägt und gehämmert. Die Restaurants machen sich schick für den großen Reibach, die weiße Zeltstadt am Strand wurde herausgeputzt, und die Filmrechtehändler warfen ihre Plakate aus, als wären es Fischernetze.

Cannes. Einige Gäste sind auch schon da. Alte Damen bewachen vor dem Festivalpalais ihre Campingstühle, um heute bei der Eröffnung einen Blick auf Nicole Kidman, Titelheldin in „Grace of Monaco“, zu erhaschen. Und Marcello Mastroianni tippt entspannt an seine Sonnenbrille - auf dem Plakat des 67. Filmfestivals, das von einem Motiv aus Fellinis Klassiker „Achteinhalb“ geziert wird.

Cannes liebt‘s nun mal nostalgisch. Zuerst aber kommt man hierher, um künftige Attraktionen zu entdecken. Ob Abel Ferraras „Welcome in New York“ dazu gehört? Gérard Depardieu spielt darin eine Figur mit klaren Verweisen auf den Finanzpolitiker Dominique Strauss-Kahn, der 2011 über seine sexuellen Skandale stolperte. So ein Ereignis, keine Frage, gehört aufs bedeutendste Filmfestival der Welt. Doch im offiziellen Programm taucht der politisch brisante Titel gar nicht auf. Die Festivalleitung hat Ferrara abblitzen lassen. Nun hat die Verleihfirma in Cannes für Sonnabend ein „Release Event“ auf eigene Rechnung anberaumt. Letztlich ist den Machern die große Leinwand sowieso schnuppe: Als Video on Demand soll der Film schon Stunden später auf Internet-Plattformen abrufbar sein. So sieht für die Verleiher die „Zukunft des Spielfilmmarktes“ aus. Dem Festival, das wie kein zweites die Kinokunst zelebriert, wäre also ein Kuckucksei untergeschoben worden.

Bis zur Preisvergabe am 24. Mai laufen Stars wie Tommy Lee Jones, Julianne Moore, Juliette Binoche, Robert Pattinson, Ryan Gosling oder Sophia Loren über den roten Teppich in Cannes. In deren Glanz wollen sich Ferrara und Co. zwar sonnen, aber sie kochen ihr eigenes Süppchen.

Deutsche fehlen mal wieder im Wettbewerb

Verkörpert Cannes also die Zukunft des Kinos oder nicht? Das müssen nun Regisseure mit klangvollen Namen beweisen. Der aufrechte Linke Ken Loach, 77, bringt seinen angeblich letzten Film mit: „Jimmy’s Hall“. Regisseur und Hauptdarsteller Tommy Lee Jones reitet im Western „The Homesman“ an der Seite von Hilary Swank über die Prärie. Der Franzose Michel Hazanavicius, der in Cannes mit dem späteren Oscar-Gewinner „The Artist“ seinen Siegeszug antrat, geht mit „The Search“ ins Rennen - um nur einige zu nennen.

Die Deutschen fehlen mal wieder im Wettbewerb. Wim Wenders hält mit einer Doku über den Fotografen Sebastião Salgado in einer Nebenreihe die Fahne hoch. Dazu kommen ein paar Koproduktionen mit deutschem Geld. Auch Hollywoods Blockbuster-Maschinerie ist nur Zaungast, allerdings ein unübersehbarer: Am Hotel Carlton an der Croisette wird auf riesigen Bannern für Angelina Jolies Märchen „Maleficent“ oder das nächste „Transformers“-Spektakel.

von Stefan Stosch

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