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Buh-Rufe für Regie-Team im Großen Haus

Widersprüchliche Inszenierung Buh-Rufe für Regie-Team im Großen Haus

Im Stadttheater läuft der Schlussapplaus zu „Eugen Onegin“. Solisten, Philharmonisches Orchester sowie Chor- und Extrachor werden vom Publikum stürmisch gefeiert.

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Tatjana (Tatjana Miyus) liebt Eugen Onegin (Christian Miedl). Die Leistung der Aufführenden wurde mit stürmischen Applaus gefeiert, die Inszenierung hingegen nicht.

Quelle: Rolf K. Wegst

Gießen. Die Feierstimmung kippt jedoch, als das Regieteam die Bühne betritt. Jetzt hagelt es Buh-Rufe aus dem Publikum, das in weiten Teilen mit der Inszenierung der Oper von Peter Tschaikowski augenscheinlich alles andere als einverstanden ist. Selten gab es im Stadttheater so heftige und widersprüchliche Reaktionen wie bei der Premiere am Samstag.

Und tatsächlich war der Abend im Großen Haus von Widersprüchen geprägt: Musikalisch und darstellerisch erlebte das Publikum einen glanzvollen Premierenabend, wogegen die Inszenierung von Regisseurin Bettina Bruinier alles andere als schlüssig ist.

Das hat mit der Grundüberlegung zu tun: Bruinier setzt, dass der Held Onegin in der Rückschau seinen eigenen Lebensfilm inszeniert - in der Konsequenz huscht fast die gesamte Spielzeit lang ein Filmteam über die Bühne. Der Haken: Dieser Ansatz ist nicht selbsterklärend und damit im dramaturgischen Sinn eine extrem handwerkliche Schwäche. Denn aus der Handlung erschließt sich zu keinem Zeitpunkt, warum die Filmleute auf der Bühne stehen. Sie sind halt einfach da. Weitere Kritikpunkte: Mareile Kretteks Kostüme und Bühnenbild, das über längere Phasen als Datscha daherkommt, wirken hilflos in dem Bemühen, russisches Kolorit der 1950er Jahre auf die Bühne zu bringen. Warum eigentlich der Fünfziger? Kurz: Die Inszenierung hat eklatante Schwächen. Dass sie für Freunde des Musiktheaters dennoch ein brandheißer Tipp ist, liegt an Sängern und Musikern. Deren Leistungen waren am Premierenabend dermaßen grandios, dass es durchaus möglich war, der Oper zu folgen und die Schattenseiten der Inszenierung auszublenden. Natürlich ist das eigentlich nicht in des Erfinders Sinn. Angeführt wird der Triumphzug der Solisten von Sopranistin Tatjana Miyus, die als Tatjana bezaubert. Man fühlt und leidet mit ihr, wenn sie in der berühmten Briefszene als absolutem Höhepunkt des Abends einen Liebesbrief an Onegin schreibt und dem Publikum mit glockenklarer Stimme ihr Leid singt. Kein Wunder, dass es kräftigen Szenenapplaus gab, denn Miyus betörte stimmlich und darstellerisch. Sie ist tatsächlich Tschaikowskis Tatjana: Bravo! Das gilt auch für den machtvollen Bariton Christian Miedl, der als Eugen Onegin eine richtig gute Figur macht. Eigentlich wie alle Solisten, die am Samstagabend eine geradezu unerhörte Spielfreude versprühten. Hut ab vor der Truppe und vor dem Chor unter der Leitung von Jan Hoffmann, der mit seiner Wucht die gewohnte Gänsehaut erzeugt.

Hut ab aber auch vor dem Philharmonischen Orchester unter der Leitung von Michael Hofstetter, das die schwere und vielseitige Musik des Russen virtuos aus dem Graben schallen lässt. Keine einfache Sache, denn Tschaikowski verbindet Traditionelles wie Tänze mit der illustrierenden musikalischen Zuspitzung beispielsweise der psychischen Situation des Bühnenpersonals. Alles zusammengenommen entsteht ein komplexes und berauschendes Ganzes, das Hofstetter und die Seinen in seiner ganzen Größe erklingen lassen.

Das alles jetzt mal zusammengenommen: Opernfreunde sollten sich diesen „Eugen Onegin“ nicht entgehen lassen, denn musikalisch und darstellerisch hat er Format, Größe sogar. Dieser Tipp gilt jedoch nur für jene, die bereit sind, den Rest der Inszenierung einfach auszublenden.

Weitere Aufführungen am 19. September, 1.Oktober, 1. und 28. November, 18. und 25.Dezember jeweils um 19.30 Uhr sowie am 18. Oktober um 15 Uhr.

von Stephan Scholz

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