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Büromensch rastet aus

Landestheater: „Braveheart“ Büromensch rastet aus

Als Auftakt zu der Reihe „Wilde Schwäne“ zeigte das Hessische Landestheater Marburg das Solostück „Braveheart“. Das Ladenlokal Kratz in der Oberstadt ist Schauplatz.

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Wildes Wüten: Der zahme Braveheart, gespielt von Michael Köckritz, wird urplötzlich zum Berserker.

Quelle: Bettina Preussner

Marburg. Klein und intim ist die neue Spielstätte des Landestheaters im Ladenlokal Kratz am Hirschberg 18: Nur 40 Plätze an runden Tischen, eine kleine Bühne, eine Bar. Ein stolzer Schwan am Schaufenster weist den Besuchern den Weg. Dort feierte am Mittwoch das erste Stück der neuen Veranstaltungsreihe „Wilde Schwäne“ Premiere. Dramaturg Simon Meienreis hat das Solostück „Brave­heart“ nach dem bekannten Film mit Mel Gibson geschrieben, im Mittelpunkt steht der Schauspieler Michael Köckritz.

Braveheart, das ist in dem oscarprämierten Streifen von und mit Mel Gibson ein schottischer Held und mutiger Freiheitskämpfer. Regisseur Meienreis hat aus ihm das genaue Gegenteil gemacht: einen traurigen Antihelden. Die Grundidee zu dieser neuen Version des alten Epos ist im Prinzip gut. Der Superheld Braveheart wird zum durchschnittlicher Büromenschen, der sein tristes Leben in einer langweiligen Tretmühle zwischen Akten und Kaffeemaschine verbringt.
Aber nicht nur sein Arbeitsleben ist bestürzend öde und eintönig, im Untergrund schwelt ein viel tieferer Konflikt. Braveheart lebt von Frau und Kind getrennt, ständige Streitereien prägen den Umgang miteinander. Der Mann ist zutiefst frustriert und unglücklich.

Umsetzung überzeugt nicht

„Ich wollte ja nur ein bisschen Frieden“, seufzt der gequälte Familienvater – und rastet aus. Nach einem Telefonat mit seiner Frau verliert er die Fassung und mutiert zum wütenden Berserker. Er verwandelt sich in einen wilden Kämpfer mit Schottenrock und Kriegsbemalung, er kämpft mit Tacker und Telefon eine blutige Schlacht. Schließlich sinkt er blutüberströmt nieder und schreit ein einziges Wort: „Freiheit“.

So schlüssig die Grundidee zu dem Stück über den geknechteten Alltagshelden auch sein mag, so wenig kann die Umsetzung auf der Bühne überzeugen. Zunächst ist da die Langeweile im Büro von Braveheart, die sich relativ schnell auf die Zuschauer überträgt. Über lange Minuten hinweg schaut man dem Protagonisten nur zu, wie er Briefe abstempelt, telefoniert, wieder stempelt, wieder telefoniert.

Fast nichts geschieht, es wird wenig gesprochen. Dann schlägt das Ganze urplötzlich ins Gegenteil um: Jetzt wird auf der Bühne vor allem Krawall gemacht. Braveheart schreit und wütet, schlägt um sich, kämpft mit Bleistift, Locher und Telefon. Bald wälzt er sich auf der Erde, das Blut spritzt nach allen Seiten, er schimpft, jammert und brüllt.

Nach rund 50 Minuten ist der Spuk vorbei, und die Bühne sieht aus wie ein Schlachtfeld nach einem blutigen Krieg. Die Zuschauer fühlen sich allerdings etwas ermattet. Man hätte sich mehr inhaltliche Auseinandersetzung gewünscht anstelle von blindem Wüten, Heulen und Zähneklappern. Bei der Premiere am Mittwoch gab es dennoch viel Applaus, der wohl vor allem Michael Köckritz galt, der sich sehr wacker geschlagen hat.

von Bettina Preussner

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