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Briefe vermitteln das Kriegsgrauen

OP-Buchtipp: Marie Moutier: „Liebste Schwester, ...“ Briefe vermitteln das Kriegsgrauen

Der Zweite Weltkrieg, erzählt aus dem Blickwinkel deutscher Soldaten. Eine neue Sammlung von fast hundert Feldpostbriefen zeigt facettenreich Gemütsverfassungen, die Leiden und teils die ideologische Verblendung von Wehrmachtsangehörigen.

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Der Krieg ist aus: Französische Soldaten führen einen deutschen Kriegsgefangenen ab, der von der Bevölkerung beschimpft wird. Die Französin Marie Moutier hat jetzt ein Buch mit Briefen deutscher Wehrmachtssoldaten herausgebracht.

Quelle: dpa

Diesen Freitag vor 70 Jahren kapitulierte die Wehrmacht. Deutschland und weite Teile Europas lagen in Trümmern, das „tausendjährige Reich“ der Nationalsozialisten war untergegangen in einem Meer aus Blut und Tränen.

Zu diesem Datum passt ein Buch, das Feldpostbriefe deutscher Soldaten enthält. Es sind Zeilen voller Liebe und Sehnsucht. In den Briefen spiegelt sich Siegeszuversicht, Herablassung, Kriegsmüdigkeit und die verbrecherische Ideologie der Nazis wider.

Die französische Historikerin Marie Moutier hat in „Liebste Schwester, wir müssen hier sterben oder siegen. Briefe deutscher Wehrmachtssoldaten 1939-45“ eine facettenreiche Sammlung von fast 100 Briefen von der Front oder aus den besetzten Gebieten zusammengestellt, die teils einfühlsam, teils brutal die Gefühlswelt der Soldaten darstellen.

„Werde Dich im Traum besuchen“

Moutier will jenseits der deutschen Kriegsmaschinerie die Gemütsverfassung, die Leiden oder auch die Überzeugungen zeigen und dabei den Soldaten ihre Menschlichkeit wiedergeben. Zum Teil tausende Kilometer von der Familie entfernt waren die Briefe und Päckchen zwischen Front und Heimat das einzige Mittel zur Kommunikation und damit extrem wichtig für die Moral.

Die Dokumente wählte Moutier aus der Sammlung von 16.000 Briefen des Berliner Museums für Kommunikation aus. Insgesamt seien während des Krieges von der Feldpost um die drei Milliarden Briefe und Päckchen befördert worden. Die Wichtigkeit dieses Kontakts zu Freunden und Angehörigen spiegelt sich in vielen Schreiben wider, in denen sich Soldaten über lange Beförderungszeiten oder zu wenig Briefe beschweren.

„Und nun liebes Pummelchen, lass Dich umarmen und küssen. Werde Dich heute im Traum wieder besuchen“, schreibt Paul S. aus Norwegen an seine Frau. Der Soldat fällt 1944 in Weißrussland.

Sammlung in drei Abschnitte gegliedert

Wie bei ihm geht es in vielen Briefen um Sehnsucht und Liebe. So schreibt Ernst G. 1944 aus Frankreich an seine Frau: „Und möge der Krieg dauern, so lange er will. Unsere Liebe bindet er nur noch fester.“ Er hat mehr Glück als Paul S. Er entgeht der Gefangenschaft und kann nach Kriegsende zu seiner Frau und seinen beiden Kindern zurückkehren.

Moutier leitet sehr hilfreich und punktgenau die ausgewählten Dokumente in ihrem Buch jeweils mit kurzen Statements zu den historischen Ereignissen und den jeweiligen Verfassern ein. Möglicherweise unbekannte Daten und Fakten in den Briefen erklärt sie zudem in Fußnoten. Die Sammlung gliedert sie in die drei Teile 1939-1941, 1942-1943 und 1944-1945. Sie strukturiert also die Zeiträume: Vormarsch und schnelle Siege der Wehrmacht, größte territoriale Ausdehnung und Rückschläge sowie der Weg zur Niederlage.

Erschreckend ist, wie sehr bei einigen Soldaten die NS-Ideologie ihre Wirkung gezeigt hat. „Das ausländische Judengesindel würde sich fürchterlich am Volk rächen, denn hier sind, um der Welt endlich Ruhe und Frieden zu bringen, Hunderttausende von Juden hingerichtet worden. (. . .) Jedenfalls hat die SS ganze Arbeit geleistet und man hat ihr viel zu verdanken“, schreibt Heinz S. 1942 aus Russland.

Briefe verschweigen oft die wahren Nöte

Seltener wird in aller Offenheit über die Kämpfe berichtet. „Die Russen oder besser der Bolschewik ist ein ungemein verhetzter und außerordentlich zäher Gegner“, schreibt ein Soldat. Man dürfe „den Russen“ nicht unterschätzen.

Oftmals werden aber die Nöte der Soldaten verschwiegen. „Der Russe wollte uns hier mal so kurz wegputzen, es ist ihm aber nicht gelungen“, er sei der Situation wohl doch noch nicht ganz gewachsen, schreibt Rudolf O. im Dezember 1942 aus dem Kessel von Stalingrad. Der Brief verschweigt die Straßenkämpfe, den Hunger, die Kälte, die Angst und das Elend.

Neben Berichten über Kriegsmüdigkeit zum Ende des Krieges hin sind auch einige der Autoren von einer Wende des Kriegsglücks überzeugt. Im August 1944 glaubt Karl K. noch: „Trotz der augenscheinlich katastrophalen Lage im Osten bin ich noch hoffnungsfroh. Denn ich kann mir nicht vorstellen oder wills nicht glauben, dass in der obersten Führung nur Torfköppe sitzen und nicht wenigstens ein Mann vorhanden ist, der nicht mit einer solchen Entwicklung gerechnet hat.“

  • Marie Moutier: „Liebste Schwester, wir müssen hier sterben oder siegen. Briefe deutscher Wehrmachtssoldaten 1939-45“, Blessing-Verlag, 384 Seiten, 22,99 Euro

von Oliver Pietschmann

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