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Brecht-Fragment für Bühne aufbereitet

"Fatzer" am Landestheater Brecht-Fragment für Bühne aufbereitet

„Ein harter Bissen“, schrieb Bertolt Brecht 1928 an Helene Weigel. Er meinte sein Drama „Fatzer“, an dem sich der Meister verschluckt hat. Es blieb ein Fragment - am Samstag, 16. Februar, hat „Fatzer“ um 19.30 Uhr Premiere am Landestheater.

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Sonka Vogt, Daniel Sempf (von links), Tobias M. Walter und Stefan A. Piskorz in einer Szene von Brechts Dramenfragment „Fatzer“ , das am Samstag Premiere hat.Foto: Ramon Haindl

Marburg. Drei Jahre lang - von 1927 bis 1930 - arbeitete Brecht an „Fatzer“. In seinem Nachlass wurden rund 500 Seiten gefunden. Im März 1976, 20 Jahre nach Brechts Tod, wurde das Stück, das kein Stück ist, unter dem Titel „Der Untergang des Egoisten Fatzer“ in der Berliner Schaubühne am Halleschen Ufer uraufgeführt. „Das ,Fatzer“-Fragment ist von Bedeutung nicht für die Theater-, sondern die Lebensgeschichte Brechts“, lautete damals das Fazit in der „Zeit“.

Erwartet die Theaterbesucher am Samstag also ein Brecht-Seminar mit Notizen, Gliederungen, Kommentare, Szenen, Dialoge, Chorstellen statt eines Theaterstücks mit Charakteren aus Fleisch und Blut wie Baal einer ist oder wie das Straßenmädchen Shen Te in „Der gute Mensch von Sezuan“?

Beide hat der ehemalige Intendant des von Brecht gegründeten Berliner Ensembles, Regisseur Stephan Suschke, grandios auf die Bühne des Hessischen Landestheaters gebracht. Man darf gespannt sein, wie der alte Theaterprofi, der international arbeitet und unter anderem am Theatre National de la communauté in Brüssel, an der National School of Drama in Neu Delhi, am Victorian College of Arts in Melbourne und am Castillo Theatre in New York inszeniert hat, mit dem 1. Weltkriegsdrama zurechtkommt, an dem der Autor verzweifelte.

„Fatzer“ ist Suschkes dritte Regiearbeit in Marburg, sein dritter Brecht. Wieder arbeitet er mit Ausstatter Momme Röhrbein zusammen - auch so ein internationaler Theatermacher. Geboren in Berlin, aufgewachsen in New York und Havanna, gilt er heute als einer der kreativsten Köpfe in Deutschlands Theaterszene. Anna Thalbach, Leander Haußmann, Thomas Brasch, Coline Serreau sind Regisseure, die auf ihn setzen. Er arbeitete am Thalia Theater Hamburg, am Berliner Maxim Gorki Theater, Staatsoper Wien sind nur einige große Adressen. Im Sommer vergangenen Jahres zeichnete er für das Bühnenbild von Katharina Thalbachs gefeierter Inszenierung der „Zauberflöte“ bei den Berliner Seefestspielen verantwortlich.

Die beiden Profis werden das sperrige Fragment schon richten, so die Hoffnung, aus dem Heiner Müller in seiner 1978 uraufgeführten Version „Fatzerfragment Bertolt Brecht“ ein klassenkämpferisches Lehrstück machte.

In dem Fragment geht es um vier Deserteure im Ersten Weltkrieg. Sie fliehen aus der Hölle von Verdun, verstecken sich, warten auf die Revolution - vergebens. Fatzer ist ihr Anführer, doch der schert sich einen Dreck um Revolution: Kampf ja, Klassenkampf nein.

Regisseur Suschke hat 1993 mit Heiner Müller bei dessen „Fatzer“-Inszenierung in Berlin zusammengearbeitet. In Marburg strebe er, so das Landestheater, „eine Anbindung an Heute“ an. Neben fünf Schauspielern aus dem Ensemble des Landestheaters hat er Schülerinnen und Schüler aus dem Philippinum und anderen Gymnasien als Chor in seine Inszenierung eingebunden. Sie sollen aus ihren Perspektiven zu den Themen des Stückes Stellung nehmen.

Schauspieler Sebastian Muskalla spielt den „Schädling“ Fatzer. Tobias M. Walter, Daniel Sempf und Stefan A. Piskorz seine Mitdeserteure, die in dem Dramenfragment kaum ausgestaltet sind. Sonka Vogt als einzige Frau der Besetzung gewährt als Therese Kaumann ihrem Mann und seinen Kameraden Unterschlupf.

Die Premiere am Samstag in der Black Box des Hessischen Landestheaters (Theater am Schwanhof) ist ausverkauft. Weitere Aufführungen sind am 19. und 21. Februar, 26. März sowie am 11.und 13. April jeweils um 19.30 Uhr.

von Uwe Badouin

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