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Botox-Barbies im Stangenwald

Open-Air-Spektakel Botox-Barbies im Stangenwald

Magie? Romantik? Im 21. Jahrhundert alles fauler Zauber, ersetzt durch Lust, Sex und Gier. Das könnte man meinen, wenn man Gerald Gluth-Goldmanns schrille Version des "Sommernachtstraums" sieht.

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Der „Sommernachtstraum“ kommt an

Sex statt Liebe, Gier statt Romantik: Helena (Marlene Hoffmann, von links) und Hermia (Victoria Schmidt) kämpfen in dieser hormongesteuerten „Sommernachtstraum“-Version um und gegen Lysander (Carsten Faseler).Foto: Nadine Weigel

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Gerald Gluth-Goldmann hat sich an die erste eiserne Regel des Theaters gehalten: Du sollst nicht langweilen. Der Regie-Profi präsentiert auf dem Marburger Markplatz einen Open-Air-„Sommernachtstraum“, der das Publikum spaltet: Die einen finden seine schrille, laute und hormongesteuerte Version toll, die anderen die keineswegs für Kinder geeignete Inszenierung einfach schrecklich. Beide übrigens zurecht.

Gluth-Goldmann zeigt einen - wegen der Anwohner - auf 80 Minuten entkernten „Sommernachtstraum“. Der hat zwar Tempo und macht dank der Kostüme von Andrea Eisensee optisch etwas her, es bleibt von Shakespeares schönen Versen aber nicht viel übrig. Und Gluth-Goldmann will im braven Marburg auch ein wenig schockieren.

Die mehr als 400 Jahre alte Geschichte ist schnell erzählt: Hermia soll Demetrius heiraten. Aber sie liebt Lysander. Helena dagegen will Demetrius. Liebesleid und Liebeslust sind vorprogrammiert, zumal sich die jungen Liebenden in einen Wald rund um Athen verdrücken. Dort herrscht Oberon (Artur Molin in einer Doppelrolle als Theseus). Doch auch der Elfenkönig hat Liebes-Ärger mit seiner Frau Titania (Julia Glasewald, auch als Hippolyta). So lässt Oberon seinen frechen Kobold Puck (Tobis M. Walter) los - auf die jungen Menschen und auf seine Königin. Doch Puck träufelt den Zaubersaft in die falschen Augen und alles steht Kopf: Demetrius und Lysander lieben plötzlich Helena und Titania verguckt sich in einen Esel.

Das ist in wenigen Worten der „Sommernachtstraum“ von William Shakespeare, eine seiner poetischsten Komödien und vom Landestheater als „Mutter aller romantischen Komödien“ angekündigt.

Premiere Sommernachtstraum auf dem Marburger Marktplatz. Foto: Thorsten Richter (thr)

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Inszenierung ohne Romantik

Romantik allerdings spielt in der Inszenierung keine Rolle. Den mystischen Wald gibt es nicht - Poledance-Stangen in einem Techno-Club ersetzen ihn. Verschwunden ist damit auch der Zauber des Stückes. Das 21. Jahrhundert mit Pornos auf Smartphones und Swinger-Clubs hat Shakespeare (general)-überholt. Zumindest in der Sicht des Regie-Teams.

So tanzen Titanias Elfen in schönen Kostümen, die wenig verbergen, an den Stangen. Die fünf jungen Frauen - Alexandra Schmuklermann, Jenny Krause, Fiona Ruprecht, Dascha Iwaschinenko und Valeriya Volkova - machen dies ebenso artistisch wie sinnlich. Hermia und Helena stakeln in roten Gaze-Röcken und roten High-Heels über die Bühne. Und der Kobold Puck erinnert optisch an einen Glam-Rocker der 70er Jahre.

Die Hauptrollen spielen mitreißend und sexy Victoria Schmidt als Hermia und Marlene Hoffmann, die als rotzfreches Gör Helena sehr präsent ist. Anfangs liegen sie sich als enge Freundinnen knutschend in den Armen, um am Ende als Botox-Barbies - der Ausdruck fällt tatsächlich - übereinander herzufallen im Kampf um die beiden jungen Männer Demetrius (Tom Bartels) und Lysander (Carsten Faseler). Die beiden stolzieren als Großstadt-Party-Plagen zu Techno-Klängen dermaßen protzig über die Bühne, als würden sie jeden Morgen einen Liter Testosteron trinken.







 
 
 
 
 
 
 
 
 



Die Lust überwiegt

Es gibt kein Werben, kein Verführen, kein Zurückhalten in dieser Inszenierung - bei Gluth-Goldmann ist alles ziemlich direkt: Die Männer wollen Sex. Für die Frauen gilt das Gleiche: Lust statt Romantik. Daneben bietet die Inszenierung Artistik an Bungee-Seilen und freche Gimmicks: So erinnert die Blume, deren Saft Titania und die Jugendlichen verzaubert, an einen Penis. Heute gibt es keine Zauberblumen mehr, nur noch Ko-Tropfen oder Aufputschdrogen. Leider. Auf die Happy-Ende-Hochzeitsszene am Schluss hätte der Regisseur daher verzichten können - ein Kaffee und eine Zigarette hätten gereicht.

Publikumslieblinge sind neben den zwei Frauen natürlich die Handwerker. An deren Szenen hat der Regisseur kaum gerüttelt, wenn auch zwei Rollen gestrichen: Squenz, Zettel, Flaut ((Ogün Derendeli, Sebastian Muskalla und Thomas Streibig) spielen grandios in ihren letzten Rollen am Landestheater) und Schnock (Daniel Sempf) sind einfach urkomisch.

Nach der verregneten Generalprobe am Mittwoch warten bis 15. Juni täglich ab 21 Uhr heiße und streitbare Nächte auf die Besucher.

von Uwe Badouin

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