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Blick auf eine gespaltene Gesellschaft

OP-Buchtipp: Toni Morrison: „Gott, hilf dem Kind“ Blick auf eine gespaltene Gesellschaft

Eine ungewöhnliche junge Frau steht im Mittelpunkt von Toni Morrisons Roman „Gott, hilf dem Kind“. Um diese Figur herum entwirft sie ein düsteres Bild amerikanischer Familien in einer gespaltenen Gesellschaft.

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Die 86-jährige Literatur-Nobelpreisträgerin Toni Morrison entwirft ein düsteres Bild der USA.

Quelle: Timothy Greenfield-Sanders

Toni Morrison ist so etwas wie die große alte Dame der amerikanischen Gegenwartslitera­tur. 1993 wurde sie als erste 
 Afroamerikanerin mit dem 
Literaturnobelpreis ausgezeichnet, und jede Veröffentlichung eines ihrer wenigen Bücher findet weltweit große Beachtung. Das große Thema der mittlerweile 86-Jährigen ist das Leben in einer Gesellschaft, die sich in allererster Linie durch Haut­farbe definiert.

Auch in ihrem neuen Roman, „Gott, hilf dem Kind“, spielt die Hautfarbe der Hauptfigur eine 
zentrale Rolle. Vom Tag ihrer 
Geburt an ist die kleine Lula Ann ein Schock für ihre Mutter: „Sie war so schwarz, dass sie mir Angst machte. Mitternachtsschwarz, sudanesisch schwarz.“

Die Folgen, die diese Hautfarbe für das kleine Mädchen hat, sind dramatisch. Der Vater verlässt die Familie, und die Mutter schafft es nicht, eine Beziehung zu ihrer Tochter aufzubauen. Es kostet sie einige Überwindung, das Mädchen zu berühren, und sie lässt sich von ihrer Tochter nicht Mutter nennen, sondern „Sweetness“ – Süße.

„Du bist nicht die Frau, die ich will“

Nach diesem beeindruckenden Auftakt springt die Erzählung rund zwei Jahrzehnte weiter. Lula Ann Brideswell hat ihren Namen zu „Bride“ verkürzt und eine steile Karriere in der Kosmetikbranche gemacht. Und ihre Hautfarbe setzt sie zu ihrem Vorteil ein. Sie trägt ausschließlich weiße Kleider, die ihre besondere Erscheinung noch weiter betonen. Es sieht so aus, als sei Brides Leben zum Erfolg geworden, aber dieser Erfolg ist nur eine Fassade, die innerhalb kürzester Zeit zusammenbricht.

Ihr Freund Booker verlässt sie mit dem Satz „Du bist nicht die Frau, die ich will“, und für 
Bride stellt sich die Frage, wer sie eigentlich ist. Ihr wird klar, dass ihr Leben nur von Äußer­lich­keiten bestimmt war, sie aber Inhalte benötigt, um ihr Glück finden zu können. Also macht sie sich auf die Suche nach Booker, dem einzigen Menschen, der ihr tatsächlich einmal nahegekommen ist. Auf ihrer 
 Suche strandet sie nach einem Autounfall bei einem Pärchen, 
das zufrieden in einfachsten Verhältnissen lebt. Erst allmählich öffnet Bride sich der neuen Erfahrung und erkennt das Glück, das in menschlicher 
Gemeinschaft liegen kann.

Puzzle aus Bruchstücken, Zeitebenen und Stimmen

Aber mitten hinein in dieses sich langsam entwickelnde 
 Idyll platziert Toni Morrison das zweite Kernthema ihres Romans. Das Mädchen Rain, das bei dem Paar lebt, erzählt von einer schlimmen Vergangenheit, die ihre Mutter, eine Prostituierte, ihr angetan hat. Und auch in Bookers Leben, das 
der Roman in einem längeren Kapitel erzählt, spielen Gefühls­kälte um Kindesmissbrauch 
eine wichtige Rolle.

Toni Morrison hat den Roman als Puzzle aus vielen Bruchstücken, Zeitebenen und Stimmen gestaltet. Bride erzählt einen Großteil ihrer Geschichte selbst, aber auch ihre Mutter, eine Mitarbeiterin und andere Figuren 
erzählen Passagen aus ihrer Sicht. Hinzu kommt eine nicht benannte Stimme, die alles in der dritten Person erzählt.

„Gott, hilf dem Kind“ ist gerade einmal 200 Seiten lang, aber vieles wird nur angedeutet, teils sogar nur durch Nuancen. Die Meisterschaft der Autorin zeigt sich auch in dieser Erzählweise. Morrison macht es ihren Lesern nicht leicht, aber wie immer bei ihren Werken lohnt sich die 
Mühe außerordentlich.

  • Toni Morrison: „Gott, hilf dem Kind“, Rowohlt Verlag, 208 Seiten, 19,95 Euro.

von Axel Knönagel

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