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Bitterböse und zum Brüllen komisch

Volker Pispers in Marburg Bitterböse und zum Brüllen komisch

Der Altmeister des politischen Kabaretts begeistert die ausverkaufte Stadthalle mit seinem Programm "Bis Neulich!".

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Mit schwarzem Oberteil vor schwarzer Kulisse kam Volker Pispers in der Stadthalle Marburg ganz schön düster daher. Mit Wahrheiten, die nur der Humor verdaulich macht, hielt er sich zur Freude des Publikums nicht zurück.

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. „Tumore tötet man durch Bestrahlung, Gehirne durch Ausstrahlung.“ So klingt es, wenn Volker Pispers über unseren Bundespräsidenten Joachim Gauck und dessen Worthülsenrhetorik spricht. Der Mönchengladbacher regt sich auf, empört sich, konfrontiert sein Publikum drei Stunden lang mit seinen in schönstem rheinischen Dialekt vorgetragenen politischen Ansichten. Erstaunlich, dass das immer noch authentisch wirkt, wenn man bedenkt, dass er seit 1983 mit seinen Soloprogrammen unermüdlich durch Deutschland tourt.

Die Eigenbeschreibung für sein immer aktuelles, da ständig aktualisiertes Jubiläumsprogramm lautet „Kabarettprogramm in progress” - seit Herbst 2002 spielt er die damals als Best-of aus 20 Jahren aufgelegte Show. Dem eingefleischten Pispers-Fan kommen deshalb einige Pointen bekannt vor. Das jedoch ist gewollt und Teil der Botschaft des Rheinländers: „Seit 30 Jahren erzähl ich Ihnen das jetzt. Aber hat sich was geändert?”

Nein, muss sich das Publikum eingestehen. Wenn es um Altersarmut, inhaltsleeres Politikergeschwätz oder etwa Fremdenfeindlichkeit geht, ist nichts besser geworden - eher im Gegenteil. Das hält die Menschen in der Stadthalle jedoch nicht davon ab, zu lachen und zu klatschen und dem Mann zuzujubeln, der ihnen gerade Untätigkeit und Dummheit vorwirft. Geschickt spielt Pispers mit den Emotionen im Saal, provoziert Scham und schlechtes Gewissen, regt zum Nach- und Umdenken an und verpackt dabei seine Forderungen in bitterböse und zum Brüllen komische Vergleiche und Geschichten - politisches Kabarett auf allerhöchstem Niveau. Sein großes Thema ist die Gerechtigkeit und eine seiner wichtigsten Forderungen die Abschaffung von Zins und Zinseszins, die es möglich machen, mit Geld Geld zu verdienen statt mit Arbeit. Unermüdlich rechnet er den Zuschauern vor, wieso der Kapitalismus zwar funktioniert - aber nur für einige wenige auf Kosten vieler anderer. „Dieses ganze System”, so der Kabarettist, „lebt davon, dass sich Menschen Dinge kaufen, die sie nicht brauchen. Von Geld, das sie nicht haben, um Leute zu beeindrucken, sie sie nicht leiden können.“

Das kapitalistische Versprechen, dass jeder, der sich anstrenge, reich werden könne, entlarvt Pispers als ausgemachten Schwachsinn: „Mit Sätzen wie ‚Leistung lohnt sich!‘ halten Politik und Medien seit Jahrzehnten ein ganzes Volk in Geiselhaft. Der Honecker würde sich im Grabe umdrehen, wenn er wüsste, dass das auch ohne Stacheldraht und Schießbefehl geht!“

Wohin eine solche Politik führt, veranschaulicht Volker Pispers am Beispiel der USA, deren „völlig entsolidarisierte Gesellschaft den Kapitalismus im Endstadium zeigt“.

Geradezu utopisch dagegen die Länder im Norden Europas: Dänen, Schweden und Finnen seien laut einer Studie die zufriedensten und glücklichsten Europäer. Dabei treffe auf diese Länder zu, wovor sich die Deutschen am meisten fürchteten: hohe Steuern und geringe Einwohnerzahl - oder, wie Pispers es ausdrückt: „Weniger Menschen pro Quadratkilometer, die einem auf den Sack gehen können.“

In der ausverkauften Stadthalle war die „Bevölkerungsdichte“ hoch - glücklich waren die Anwesenden ausnahmsweise trotzdem.

von Vera Zimmermann

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