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Bitte wenden Sie ihren Stier!

Theater Bitte wenden Sie ihren Stier!

Europa in der Krise. Internationale Studierende haben das Theater in einem Theaterstück verarbeitet: Das göttliche Orakel.

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Der Orakelmarkt ist heißgelaufen. Die olympischen Götter warten auf die Entscheidung ihres Chefs Zeus.Foto: Manfred Schubert

Quelle: Manfred Schubert

Marburg. „Hier spricht die Küstenwache. Bitte wenden sie ihren Stier, sonst müssen wir sie wegen versuchter illegaler Einwanderung nach Europa festnehmen!“, schallt es in der letzten Szene Europa entgegen.

Europa steckt in der Krise, und unter den heutigen Bedingungen hätte die mythologische Namenspatronin des Kontinents wohl erst gar keine Chance erhalten, ihre Füße auf seinen Boden zu setzen. Also dreht Europa resigniert auf ihrem Stier, dem verwandelten Zeus, ab.

Mit seiner fünften Produktion präsentierte das 2011 gegründete internationale Theaterprojekt Dramarasmus, dem zur Hälfte Studierende im Erasmus-Programm der Europäischen Union angehören, das erste Stück aus eigener Feder.

„Das göttliche Orakel“ führte zurück zu den mythologischen Wurzeln, nach Griechenland zu den Göttern auf dem Olymp. Metaphorisch und allegorisch, satirisch und ironisch ging es zu bei diesem Stück, dessen Geschehen trotz der Entrücktheit in hehre Himmelshöhen sehr vertraut anmutete.

Denn es geht um ganz banale Geschäftsinteressen, die die Götter wahren wollen. Einige versuchen mit allen Mitteln, sich die Herrschaft über den boomenden Orakelmarkt zu sichern. Der Rat wird einberufen, die ersten Orakelgötter verlangen von Zeus, Gesetze zur Marktregulierung zu erlassen.

Der flüchtet sich in eine Entscheidung mit auch recht vertraut klingenden Formulierungen: Jedes Orakel sei der Wahrheit verpflichtet, der freie Wettbewerb der Götter untereinander diene dem allgemeinen Wohl und werde nicht eingeschränkt, so könne man Frieden und Wohlstand sichern. Nur Apollon hatte sich unter einem Vorwand vor der Sitzung davongemacht. Als alles vorbei ist, stellt sich heraus: Er hat die Zeit genutzt und einen Orakelschrein in jeder Stadt der Union errichtet.

Das Geschrei ist groß, doch die anderen Götter beeilen sich, sich ihr Stück vom Kuchen zu sichern. Szenenwechsel: Die Germanistikstudentin Katharina befragt den Vogelflugdeuter nach ihren Berufsaussichten. Der bemüht sich redlich, sagt ihr jedoch nichts Angenehmes voraus. Also geht sie lieber zu Sunny, der ihr zuerst geschickt entlockt, was sie selbst will, und präsentiert Katharina ihre Wunschvorstellungen in Discosound verpackt mit Tanzchoreografie - das kommt natürlich viel besser an.

Am Ende bricht der Orakelmarkt zusammen, die Krise ist da. Nur Apollon hat seine Orakel rechtzeitig veräußert, dank eines unerlaubten Insidertipps, den er sich bei Klotho holte, der einzigen, die wirklich weiß, was die Zukunft bringt. Einerseits bewundert Zeus Apollons Hinterlist. Als er ihn darauf anspricht, und Apollon betont, ihm gegenüber loyal bis in den Tod zu sein, blickt Zeus etwas beklommen drein.

Die etwa 100 Zuschauer am Dienstag in der Waggonhalle spendeten kräftigen Applaus für das humorvoll-zeitkritische Stück, das seinen besonderen Charme auch aus der internationalen Zusammensetzung des Ensembles bezog.

Wann hörte man die olympischen Götter schon mit französischem oder spanischem Akzent reden oder gar norddeutsch snacken?

von Manfred Schubert

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