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Bilderflut mit schroffen Gegensätzen

Oper Mirandolina in Gießen Bilderflut mit schroffen Gegensätzen

Von einer geradezu betörenden morbiden Schönheit ist Andriy Zholdaks Inszenierung von Bohuslav Martinus Oper „Mirandolina“, die am Sonntag im Stadttheater Premiere hatte.

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Die florentinische Wirtin Mirandolina (Francesca Lombardi Mazzulli) kriegt jeden Mann rum. Hier bezirzt sie den Conte Albafiorita (Eric Laporte). Foto: Rolf K. Wegst

Quelle: rolf k. wegst

Gießen. Am Ende des Abends, der live von hr2-Kultur und vom Deutschlandfunk übertragen wurde, gab es freundlichen Applaus für das 1959 uraufgeführte Stück, das lange in Vergessenheit geraten war. Zholdak belebt es wieder. Und zwar als stark verdichtete Bilderflut, die sich durch Finsternis und schroffe Gegensätze auszeichnet.

Damit ist das Grundkonzept der Inszenierung angesprochen, die die banale und wenig reizvolle Geschichte der Oper nur als Anschauungsmaterial braucht. Denn Zholdak nutzt das boulevardeske Gezwitscher um die florentinische Wirtin Mirandolina, die jeden Mann rumkriegt und so immer wieder für Verwicklungen sorgt, um es aufzuladen und atmosphärisch zu konterkarieren.

Zu diesem Zweck setzt der ukrainische Regisseur in erster Linie auf Lichteffekte, mit denen ein düsteres Klima der Bedrohung in den engen Bühnenraum gebracht wird. Auf rein bildhafter Ebene erhält das federleichte und burleske Liebesgeschichtchen so eine zweite Ebene, die die Handlung als eine Art finsterer Subtext kommentiert. Das Resultat ist beachtlich. Denn bloß mit den Mitteln von Licht und Schatten gelingt es Zholdak wahrlich famos, die vermeintlich witzige Koketterie und das humorvolle Liebesschmachten als das zu entlarven, was es wirklich ist: Maskerade, hinter der sich zwischenmenschliche Kälte, Eitelkeit und Selbstsucht verbergen. Verstärkt wird dieser Effekt musikalisch vom Philharmonischen Orchester unter der Leitung von Michael Hofstetter. Denn aus dem Graben perlen traumhaft schöne Klänge, immer melodisch, immer schwungvoll und mit viel sonnigem Temperament.

Es lohnt sich, hinter die Fassade von Menschen zu blicken – das ist die Botschaft dieser Vereinigung von Gegensätzen mit Musik und Handlung auf der einen und Bühnenatmosphäre auf der anderen Seite. Ein grandioses Konzept, das der Regisseur jedoch leider mit einer ganzen Reihe weiterer theologischer und sexueller Motive völlig überladen hat. Deshalb ein Tipp an Theatergänger: einfach Musik und Düsternis genießen und den Rest ignorieren.

Halt, natürlich nicht die Solisten, die sich am Sonntagabend glänzend schlugen. Allen voran Francesca Lombardi Mazzulli, Schülerin von Luciano Pavarotti, die mit glasklarer Stimme als Mirandolina überzeugte. Äußerst präsent bezirzte sie die Männerwelt, wofür es am Premierenende Extraapplaus gab. Dem in nichts nach standen Tenor Eric Laporte als Conte Albafiorita und Bass-Bariton Calin Valentin Cozma als Marchese di Forlimpopoli, die beide mit gewohnter stimmlicher Urgewalt Schauer über Zuschauerrücken jagten. Kurzum, eine vorzügliche Leistung des insgesamt 15-köpfigen Darstellerensembles.

Damit zum Fazit: Zholdak und Hofstetter haben einen glänzenden und intellektuell anregenden Opernabend auf die Bühne gebracht, der schnell vergessen lässt, dass die eigentliche Geschichte im Grunde genommen und umgangssprachlich gesprochen Banane ist.

Weitere Aufführungen sind am 12. und 24. April und 18. Mai jeweils um 19.30 Uhr und am 6. Juli um 15 Uhr im Großen Haus.

von Stephan Scholz

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