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Bilder von Verfall und Verderben

„Blaue Linse“ stellt Fotos aus Bilder von Verfall und Verderben

In der Antike Sinnbild der menschlichen Vergänglichkeit, ist die Wunde noch heute ein Eingriff in die ursprüngliche Integrität des Individuums. Mit „Wunden“ beschäftigt sich die „Blaue Linse“ im Marburger Rathaus.

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„Blaue Linse“-Neuling Chris Schmetz erklärt Besucherin Alissatou Ouro-Djobo seine Fotos: Liebesschlösser, an denen der Zahn der Zeit nagte und deren Daseinsgrund passé ist.

Quelle: Yannic Bakhtari

Marburg. Zersplitterung, Tod, Verderben, Verfall und Wunden in der Natur. Aber nicht nur das Lebendige scheint vergänglich zu sein, auch die anorganische Umwelt ist steter Veränderung ausgesetzt. Diese Themen zeigt die Jahresausstellung des Marburger Fotografenzusammenschlusses „Blaue Linse“, die derzeit im Marburger Rathaus zu sehen ist.

Die aktuell 16 Mitglieder umfassende „Blaue Linse“ gründete sich 1994 und hat jedes Jahr ein neues, verbindliches Thema, zu dem die Fotografen arbeiten. „Im letzten Jahr hatten wir bestimmt 50 Ideen für Themen, und auch wenn wir die auf die Hälfte reduziert haben, können wir noch viele Jahre, ach, was, Jahrzehnte weiterarbeiten“, sagte Sprecherin Heike Heuser.

Armin Benders Baum, ein Symbol für Kraft und Leben, bricht gewaltsam. Der krachende Widerhall erinnert an den 11. September 2001, die Türme sind seitdem offene Wunden. „Wunden im sozialistischen Cuba“ dokumentierte Erhart Dettmering. Andrea Freisberg öffnet die Augen für die äußeren und inneren Wunden des Holocaust-Mahnmals in Berlin.

Heike Heuser befindet sich im Mikrokosmos alter, wertvoller Bücher, in denen die Spuren der Zeit „Wunden“ hinterlassen haben. Durch ungewohnte Blicke auf Details entstehen ganz eigene abstrakt-ästhetische Eindrücke. Thomas Kämpchen fotografierte in einem Tattoo-Studio auf St. Pauli aufgerissene Erdkruste.

Liebesgrüße aus Sankt Petersburg

Tiefe Wunden in der Landschaft zeigt Reinhard Keller in seinen Fotografien, indem er den Blick auf Steinbrüche lenkt – noch offene Wunden, die langsam heilen, neue Biotope entstehen lassen, dennoch aber von menschlichen Eingriffen in unberührte Natur zeugen. Auch Edgar Zieser konzentriert sich auf Landschaftsveränderungen durch Kieswerke und Steinbrüche im Marburger Umland sowie den Verbrauch der Rohstoffe in eher gering ambitionierter Architektur und Infrastruktur.

Christian Schmetz fragt: „Woher kommt der Liebeskummer?“ Seine Bilder aus der Serie Herzschmerz stammen aus Marburg, Paris, Prag und Sankt Petersburg. Schmetz ist neu bei der „Blauen Linse“. Seine Arbeiten thematisieren die Liebe, die genauso vergänglich ist wie das Materielle. „Auch negative Gefühle können sich verfestigen“, erklärt der freiberufliche Fotograf. Seine Bilder zeigen Liebesschlösser, wie sie an vielen Brückengeländern zu Hauf zu finden sind, doch eines ist anders: Die Schlösser sind kaputt, Zeugen einer schönen, kribbelnden, aber doch vergangenen Zeit. Auf einem Schloss prangt groß „Bitch“.

Friedemann Korflür befasst sich in seiner Serie mit den seelischen Wunden bei Angehörigen von Verkehrsopfern, die immer wieder einen ganz persönlichen Ausdruck in Gedenkplätzen am Straßenrand finden und oft über Jahre hinweg gepflegt werden. Sibylle Markl zeigt Bilder zur Bücherverbrennung. Peter Marx enthüllt auf einem Einzelbild die dunkle Seite des Meeres. Der zur Vernissage gekommene Marburger Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) bezeichnet das Werk als „sehr tiefgründig, angesichts der Flüchtlinge“. Die Fotografie wirkt wie ein Massengrab.

Zerfall, Verfall, Abblättern, Risse. An den von Gudrun Niessner-Wild in Murano und Burano im September 2015 fotografierten Gebäudeteilen nagt der Zahn der Zeit und hinterlässt „Architekturwunden“. Susanne Saker zeigt Grabskulpturen, die einst als Projektionsfläche für die bürgerlich kultivierte Trauer dienten und heute selbst Spuren der Verwitterung und Vergänglichkeit aufweisen.

Die Ausstellung ist bis zum 26. September im Erdgeschoss des Rathauses zu sehen, geöffnet Montag bis Donnerstag von 9 bis 16 Uhr, Freitag von 9 bis 12.30 Uhr, Samstag von 14 bis 17 Uhr sowie Sonntag von 11 bis 16 Uhr.

von Yannic Bakhtari

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