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Bildegewaltiges Musiktheater

König David in der Pfarrkirche Bildegewaltiges Musiktheater

Erste und hoffentlich nicht letzte Koproduk­tion: Hessisches Landestheater und Bachchor ­setzen ­gemeinsam im ­Altarraum von St. Marien Arthur ­Honeggers symphonischen Psalm in Szene.

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Nicolo Sokoli leitet die Camerata Mittelhessen und den Marburger Bachchor in der von Matt Finke ausgeleuchteten Lutherischen Pfarrkirche St. Marien.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Der Intendant des Hessischen Landestheaters Marburg, Matthias Faltz, erinnert mit seiner bildgewaltigen szenischen Einrichtung an den Ursprung des Oratoriums „König David“. Denn uraufgeführt wurde es 1921 als Musik zu einem Schauspiel des Westschweizer Dichters René Morax, das dieser für ein Freilichttheater nach antikem Vorbild geschrieben hatte. Zwei Jahre später hat Arthur Honegger die Schauspielmusik zu einem Oratorium umgearbeitet, in dem ein Sprecher die Handlung erzählt. In der Lutherischen Pfarrkirche St. Marien übernimmt dies mit fesselndem, auf Zwischentöne achtenden Erzählduktus Thomas Huth.

Dirigent Nicolo Sokoli­ erinnert ebenfalls an die ursprüngliche Bestimmung des Werkes, indem er nicht das groß besetzte sinfonische Orchester des Oratoriums, sondern das nur aus Bläsern, Schlagwerk, Klavier und Harmonium bestehende Instrumentarium der Urfassung einsetzt. Dadurch kommt Honeggers kompositorisches Konzept deutlicher zum Ausdruck. Er baut in seiner leuchtend-farbenprächtigen, von prägnanter Kürze geprägten Musik nicht nur auf die damals noch neuen Mittel des Impressionismus mit Quartenklängen, ornamentalen Melodielinien und bitonalen Harmonien; er stellt auch orientalische Einflüsse neben Erinnerungen an Bach und Händel.
Sokoli lässt die eigens von ihm für diese erste Koproduktion des Landestheaters mit dem Bachchor gegründete Camerata Mittelhessen, bestehend aus 15 Instrumentalisten der Musikschule Marburg, dramatisch zupackend musizieren, wahrt aber auch die für französische Musik unabdingbare Clarté. Diese Klarheit zeigt ebenfalls der Bachchor im 50. Jahr seines Bestehens: mühelos aufsteigend in extreme Sopranhöhen, anrührend schlicht in den Klage- und Lobpreis-Gesängen und mit gleißender Klangpracht im Zentrum des 70-minütigen Werkes, dem orgiastischen Tanz vor der Bundeslade.

Erste und hoffentlich nicht letzte Koproduk­tion: ­Hessisches Landestheater und Bachchor ­setzen ­gemeinsam im ­Altarraum von St. Marien Arthur ­Honeggers symphonischen Psalm in Szene.

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Davids Gesänge hat Honegger drei Solisten zugeteilt. ­Marina Herrmanns engelsgleicher Sopran harmoniert ideal mit dem bronzefarbenen Alt von Anne­ Bierwirth. Und Daniel Sans überzeugt mit lyrisch-schlankem Tenor. David, dessen Aufstieg vom Hirtenjungen zum Heerführer, König und Prophet das Werk quasi im Zeitraffer erzählt, ist aber auch als Gestalt gegenwärtig.

Wie von Zauberhand: Flügel wachsen aus Kirchenmauer

Die Choreografin und Tänzerin Ekaterina Khmara stellt ihn mit eindringlicher Körpersprache auf einem zwischen Orchester und Chor verlaufenden Steg, aber auch auf einem hinter dem Chor errichteten Podest dar – als Jüngling in schlichtes Schwarz gekleidet, mit rotem Umhang und Krone als König, dann allerdings eine Maske tragend. Und der schwarzbärtige Riesenkopf, der an des Propheten Lebensende ergraut ist, erinnert nicht von ungefähr an das Haupt des Riesen Goliath, den der Marburger Licht- und Videokünstler Matt Finke über die Kuppel der Pfarrkirchen-Apsis wandern lässt.

Finkes ausgefeilte Licht- und Videogestaltung befindet sich in faszinierendem Einklang nicht nur mit dem Altarraum der Marienkirche, sondern auch mit Text und Musik. Um nur einige Beispiele zu nennen: Wenn der junge David mit Marina Herrmanns Stimme fleht „Ach, hätte ich die Flügel einer Taube“, dann lässt Finke wie von Zauberhand aus der Kirchenmauer zwei riesige weiße Taubenflügel wachsen. Und wenn kurz vor Schluss „das Flammenschwert des Todesengels sendet aus die Pest“ erklingt, dann zieren den Bühnenhimmel nicht mehr Sterne, sondern fluoreszierende Yersinien – die nur unter dem Mikroskop sichtbaren Erreger des schwarzen Todes.

Am stärksten haften bleibt das letzte Bild, wenn zum feierlich strahlenden „Halleluja“ des Volkes der nun wieder jünglingshafte David ins gleißende Licht des Paradieses entschwebt.

Das Publikum im vollbesetzten Kirchenschiff feierte alle Mitwirkenden nach der Premiere am Freitagabend mit kräftigem Applaus und Bravo-Rufen.

  • Es gibt nur zwei weitere Aufführungen: an diesem Samstag und Sonntag jeweils ab 20 Uhr. Die sollte sich kein Theater- und Musikliebhaber entgehen lassen.

von Michael Arndt

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