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Biblische Motive in Eisen gegossen

Museum für Kunst und Kulturgeschichte Biblische Motive in Eisen gegossen

Mehr als zwei Jahrzehnte lagerten die historischen Ofenplatten im Archiv des Museums. Seit Donnerstag sind 29 Exponate im Landgrafenschloss wieder öffentlich zu sehen in der eindrucksvollen Ausstellung „Bibel in Eisen“.

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Die Detailfülle der in Eisen gegossenen Bilder erschließt sich erst beim näheren Hinsehen.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Heute wird hierzulande jedes bewohnte Haus beheizt. Gas, Strom, Pellets, die Kraft der Sonne oder moderne Holzöfen sorgen für wohlige Wärme an kalten Tagen. Im 16. Jahrhundert aber waren Öfen ein Luxusgut, das sich nur reiche Menschen leisten konnten.

Im 15. und 16. Jahrhundert lösten einfache Eisenöfen allmählich die bis dahin üblichen offenen Feuerstellen ab. Die ersten Öfen dieser Art standen in Schlössern und Herrenhäusern. Sie waren zwar „Holzfresser“, aber dennoch „eine wegweisende technische Leistung, die sicher nicht unerheblich zur Industrialisierung beigetragen“ habe, wie Professor Helmut Burger aus Biedenkopf in einem Beitrag zur Technikgeschichte im Katalog zur Ausstellung schreibt.

Burger war Entwicklungschef des großen Heizungskonzerns Viessmann. Er ist ein Kenner der Materie und einer der Initiatoren der Ausstellung, für die das Museum für Kunst und Kulturgeschichte der Philipps-Universität eng mit der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck zusammenarbeitete. Die Kirche finanzierte unter anderem den Werkvertrag der Kuratorin Stefanie Funck. Auch Viessmann unterstützte die Ausstellung finanziell.

Sonderausstellung "Bibel in Eisen" - Anlässlich des Themenjahres „Reformation – Bild und Bibel“ zeigt das Museum für Kunst und Kulturgeschichte eine Auswahl wertvoller Ofenplatten des 16. Jahrhunderts im Marburger Schloss. V.l. Prof. Dr. Helmut Burger, Prof. Dr. Joachim Schachtner und Dr. Christoph Otterbeck. Foto: Thorsten Richter (thr)

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Die Ausstellung im Kleinen Rittersaal präsentiert 29 Ofenplatten. Die bis zu 200 Kilogramm schweren und seltenen Stücke wurden sorgfältig restauriert und gereinigt und werden in der Ausstellung auf Pulten präsentiert. Der Fokus liegt nicht auf technischen Innovationen, sondern auf den Bilddarstellungen auf den Ofenplatten und damit auf ihrem religionswissenschaftlichen sowie kunst- und kulturhistorischen Gehalt.

Jede für sich ist ein kleines Kunstwerk. In den Reliefen sind viele Figuren zu entdecken sowie mythologische und historische Themen, Architekturen und Landschaften. Es sind geschnitzte Bilder, die in Eisen übertragen wurden. Die Kuratorin hat sich dabei auf biblische Motive konzentriert, die sie in sechs Themenbereichen präsentiert: „Gesetz und Gnade“, „Aus dem Leben Jesu“, „Gleichnisse“, „Wundergeschichten“, „Frauenfiguren“ und „Das Jüngste Gericht“.

Wie Museumsdirektor Dr. Christoph Otterbeck bei der Ausstellungseröffnung betonte, werde deutlich, wie sich die Bildersprache im Zuge der Reformation verändert habe. Zwei Beispiele: Jesus ersetzt die vielen Heiligen der katholischen Kirche, der Papst wird im Jüngsten Gericht ins Fegefeuer gezerrt.

Hessische Bibelöfen waren Verkaufsschlager

Viele Motive stammen aus der Werkstatt des Frankenberger Bildhauers, Baumeisters und Malers Philipp Soldan (1500 – ca. 1569), der die Vorlagen schnitzte. Schüler übernahmen seine Bildersprache oder zumindest Motive. Soldans Talent könnte maßgeblich dazu beigetragen haben, dass die hessischen Bibelöfen damals ungemein populär wurden, geradezu Exportschlager. Im Kellerwald um Frankenberg, Haina und Waldeck entstand eine kleine Industrie – dort war alles nötige vorhanden: Erz, Holz, Wasser und natürlich kenntnisreiche Handwerker.

Die Ausstellung ist Teil des Themenjahres „Reformation – Bild und Bibel“ und weist bereits hin auf die großen Feiern zum 500-jährigen Jubiläum der Reformation im Jahr 2017. Die Ausstellung wurde von Professor Joachim Schachtner, Vizepräsident der Philipps-Universität, Professor Martin Hein, Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Professor Helmut Burger als Vertreter der Viessmann Werke Allendorf (Eder), Museumsdirektor Otterbeck und der Kuratorin Funck eröffnet. Auch dies unterstreicht die Bedeutung, die der Ausstellung beigemessen wird, zu der ein informativer Katalog erschienen ist.

Schachtner wies auf die akademischen Aktivitäten der ältesten protestantischen Universität Deutschlands zum Reformations-Jubiläum hin. Bischof Hein kennzeichnete Luther als Menschen, der die Macht von Bildern erkannt habe.

  • Die Ausstellung „Bibel in Eisen“ ist bis zum 10. April 2016 zu sehen; geöffnet im Oktober Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr, ab November Dienstag bis Sonntag von 10 bis 16 Uhr. Der Katalog zur Ausstellung kostet im Museum 15 Euro.

von Uwe Badouin

Initiatoren und Veranstalter der Ausstellung „Bibel in Eisen“: Dr. Richard Laufner, Leiter des städtischen Fachdiensts Kultur (von links), Professor Helmut Burger von Viessmann, Uni-Vizepräsident Professor Joachim Schachtner, Kuratorin M. A. Stefanie Funck, Bischof Professor Martin Hein, Eveline Valtink vom Landeskirchenamt Kassel und Museumsdirektor Dr. Christoph Otterbeck. Foto: Thorsten Richter
 
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